FREIE Sicht : Den Talenten gerecht werden

Von Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität

Ariane ist 25. Ihr Abitur ist jetzt sechs Jahre alt. Ein knappes Jahr lang hat sie sich die Welt angesehen, dann angefangen, sich zu bewerben. Sie hat jetzt fünf Jahre vergeblich versucht, einen Studienplatz in Grundschulpädagogik zu erhalten. An mehreren Universitäten. Jedes Mal Fehlanzeige. Stattdessen Mitteilungen: Warteliste Platz 423, 374, 581 oder so. Der Grund: ihre Abiturnote von 2,3. Numerus Clausus dagegen ist für diesen Studiengang zum Beispiel an der Freien Universität 1,9 und an der Humboldt-Uni 1,8.

Ariane verdient ihren Unterhalt seitdem als Tanzlehrerin. Hinreißende Körperkoordination, aber nicht ausreichend für eine Profikarriere. Doch sie bringt selbst Teddybären zum Tanzen, ist eine pädagogische Naturbegabung. Unser Bildungssystem will sie aber nicht haben. Es funktioniert nach dem Prinzip des im Grundgesetz verbrieften Rechts auf freie Berufswahl in Kombination mit der Bestenauslese. Die Besten seien die mit der besten Abiturnote.

Richtig: Die Abiturnote sagt den Studienerfolg zuverlässig voraus. Aber den Erfolg als Lehrerin? Das hat mit Abitur wenig zu tun. Deutschland macht es sich einfach seit über 30 Jahren. Nur die Note zählt, berufliche Eignung und Neigung kein bisschen, Lehrerbedarf auch nicht. Dem Einwand, eine Eins im Abitur sei nicht überall dasselbe, wird mit Standards begegnet und mit einem Zentralabitur. Die Lücke zum wirklichen Leben wird dadurch nicht geschlossen.

Wollen wir so weitermachen? Wollen wir weiter ignorieren, dass Ariane gut unterrichten könnte, dass Philip eine Verkaufsbegabung ist, aber keinen BWL-Studienplatz bekommt, dass Andrea einen sicheren Blick für Leiden hat, also eine gute Voraussetzung als Ärztin mitbringt? So werden wir auf Dauer den Menschen nicht gerecht, und auch nicht einer Gesellschaft, die im internationalen Wettbewerb steht. In anderen Ländern wird nämlich sorgfältiger ausgewählt – mit Motivationsschreiben (die gab es in Deutschland noch bis in die sechziger Jahre) oder Eignungstests (etwa für Lehrer in Finnland).

Klar, paradiesisch wäre es, jede und jeder könnten studieren, was, wo, bei wem und so lange sie und er wollten. Aber wir leben auf Erden, in Deutschland in Kürze mit doppeltem Abiturjahrgang. Wie wollen wir Ariane gerecht werden und der Gesellschaft, die sie braucht?

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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