FREIE SICHT : "Einander dienen und frei werden"

Auf der Suche nach dem Leitwort fürs neue Jahr - Kolumne von Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität.

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Dieter Lenzen.Foto: Mike Wolff

Zum Beginn eines neuen Jahres wird es Zeit, über eines der Leitworte nachzudenken, die, Jahr für Jahr, die Wand des Dienstzimmers markieren. Im Jahr 2009 wird es eine Inschrift sein, die den Tisch von Arthurs Tafelrunde geziert haben soll: „Indem wir einander dienen, werden wir frei.“ Warum das?

Um 500 nach Christus hieß Freiheit für die keltischen Briten, die eindringenden Sachsen abzuwehren. Dazu war gemeinsamer Kampf der Ritter eine unabdingbare Voraussetzung. Und einander dienen hieß: den Kämpfer an der Seite unterstützen und ihn vor heimtückischen Angriffen bewahren. Also nur ein scheinbarer Widerspruch: Freiheit im Ganzen gewinnt man, indem man auf Freiheit im Einzelnen verzichtet.

Wir werden unsere Freiheit, die die Bundesrepublik aus Anlass ihres 60. Geburtstages nächstes Jahr feiern darf, nur bewahren, indem wir partikulare Interessen darauf prüfen, ob ihre Verfolgung allen dient oder nur Einzelnen. Es wird also zu prüfen sein, ob das partikulare Interesse am Machterhalt von Politikern uns allen dient oder nur ihnen selbst; es wird zu prüfen sein, ob große Geschäfte nur den Unternehmern dienen oder auch denen, die für sie arbeiten. Es wird zu prüfen sein, ob Bildung und Erziehung den Egoismus einer nachwachsenden Generation verstärken, die Eitelkeit von Eltern und die Besserwisser-Attitüde einzelner Pädagogen pflegen, oder ob Erziehung und Bildung das gute Leben einer ganzen Gesellschaft im Blick hat, die, als gealterte, auf die Bereitschaft zu dienen bei den Jüngeren angewiesen sein wird; es wird zu prüfen sein, ob Wissenschaftler nur ihrer Neugier folgen oder auch den berechtigten Interesse ihrer Auftraggeber, mit den Früchten der Erkenntnis ein besseres Leben führen zu können.

All dieses wird zu prüfen sein, wenn wir frei bleiben wollen dadurch, dass wir einander dienen. Dass wir also nicht Ansprüche stellen an Lehrer, Eltern, Politiker, Manager, Polizisten, Sachbearbeiter in Sozial- und Arbeitsämtern, ohne eine Antwort auf die berechtigte Gegenfrage parat zu haben: Und wie dienst Du dem anderen? Machst Du es durch Dein törichtes Wahlverhalten Verführern leicht, eine böse Politik zu machen? Begreifst Du, dass Lehrersein Schwerstarbeit ist und nicht Anlass ständiger Beschimpfung? Verstehen wir, dass wir denen dienen müssen durch unseren Respekt, die dazu da sind, uns zu dienen? Altruismus ist die effektivste Form, sich selbst zu dienen. Und: wenn Freiheit die Voraussetzung jeder heilen Zukunft ist, und wenn dienen die Ermöglichung der Freiheit darstellt, dann wird es keine Zukunft geben ohne unsere Bereitschaft, einander zu dienen.

Das Jahr 2009 wird uns Gelegenheit geben, diese Erfahrung zu machen. Es sollte kein Jahr des lauten Geschreis werden, sondern des stetigen Aufeinanderachtens.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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