FREIE Sicht : Erziehung: Keine Angst vorm Kollektiv

Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität, über kollektives Tun und selbstgesteuertes Lernen.

Herbst 2008. Irgendwo in der Nähe von Peking. Ein Kindergarten. Ganztags, versteht sich. Die Architektur ist befremdlich. Sehr große Räume mit Betten für jedes Kind. Ein großer Spielbezirk darin mit viel „didaktischem“ Spielzeug, daneben, durch eine Schiebetür getrennt, ein fast ebenso großer Raum mit dreißig kleinen Toiletten. Die Kinder sind gerade draußen auf dem Hof. Kein Geschrei, kein Gewusel, keine blutigen Knie, keine gestressten Erzieherinnen. Achtzig Kinder stehen in Blockformation und machen Gymnastik auf Anweisung. Sie sind begeistert bei der Sache, keines tanzt aus der Reihe, macht Faxen oder verweigert sich. Frühverrentungen von pädagogischem Personal sind nicht zu befürchten.

Ein paar Fotos für das pädagogische Archiv. Ein Dreijähriger schaut neugierig zu, kommt vorsichtig näher, schaut sich sein Konterfei im Display an und freut sich über die Fotos von seinen Freunden. Er will probieren, wie das funktioniert, darf den einen oder anderen Knopf bedienen und ist selbstvergessen.

Zwei pädagogische Grundhaltungen in einer Szene: kollektives Tun und selbstgesteuertes Lernen. Ersteres scheint das zweite nicht zerstört zu haben. Auf die neuronalen Strukturen des Gehirns ist eben Verlass. Mitteleuropäische Pädagogenangst um die Individualität der Kleinen greift nach dem Beobachter. Bilder von Schulhöfen, aber auch Klassenräumen ohne jede erkennbare Ordnung spielen sich vor dem inneren Auge ab.

Legitimiert in den Siebzigern – Disziplin führt angeblich zum Faschismus – und empirisch untermauert in den Neunzigern: Das Bewusstseinssystem konstruiert sich seine eigene Welt. Das ist nicht steuerbar, angeblich. Also: moralisch verwerflich und empirisch unangemessen? Es gibt keine letztliche Anwort auf die Frage nach dem besseren Weg und schon gar nicht lässt sich alles von einer Kultur in die andere übertragen. Gleichwohl lassen sich die Resultate vergleichen, und da schneiden die „Western Societies“ nicht unbedingt immer besser ab. Das betrifft nicht nur die Leistungen, sondern auch das Verhalten. Gehirne sind egoistisch und zweckrational: Wenn das Kollektiv nicht gelegentlich Einhalt gebietet, zentrieren sie sich auf sich selbst.

Noch einmal: Es gibt keine Antwort auf die Frage nach dem besseren Weg, aber auf jedem Weg der Erziehung muss die Frage wiederholt werden, ob und in welchem Maße die Entfaltung des Einzelnen vor dem Hintergrund der Ansprüche aller einzuschränken ist und wo das Recht des Einzelnen auf seine individuelle Entfaltung durch die Bequemlichkeit aller nicht begrenzt werden darf. Das ist die eigentliche Aufgabe von jedem, der mit Kindern zu tun hat.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten. In der kommenden Zeit blickt er auf das Bildungswesen im Ausland.

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