FREIE Sicht : In der Bildung den Bund wählen

Zu den gelungensten Marketing-Inventionen der Bildungspolitik gehört die Marke „Bildungsrepublik Deutschland“. Sie lässt ein wenig vergessen, dass diese Bildungsrepublik aus 16 „Bildungsländern“ besteht, die über 16 Ministerien verfügen, welche für das schulische Bildungswesen zuständig sind und, soweit nicht in einer Hand, über weitere 16 Ministerien, die für Wissenschaft und Forschung zuständig sind. Bis zu 32 Minister, weit über 32 Staatssekretäre und 32 Mal bis zu 2000 Ministerialbeschäftigte kümmern sich um die Administration der Länderbildung. Das entspricht rund einem Drittel aller Soldaten der Bundeswehr.

Es gibt auch viel zu kämpfen: Territorialverteidigung gegenüber der Bildungs- und Wissenschaftspolitik des Bundes, Aufspüren, Beschlagnahmen und Sicherung von Beutegut, das dem Bund abgenommen werden soll, Abstimmung der Alliierten bei Waffenstillstands-Abkommen mit dem Bund, Aufsuchen von Bündnispartnern in der Bildungs-Rüstungsindustrie, Konzeption und Durchsetzung von möglichst solitären Strukturveränderungen im Bildungssystem jedes Landes, um die Flucht von Bildungsbürgern in andere Bildungsländer zu erschweren, Unterbindung von Gemeinsamkeiten im Auftreten gegenüber der EU.

Bei so viel Kampfgetöse ist es für die Politik der Bildungsrepublik nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. So hat die Bundesbildungspolitik sich auf die hohe Tonfrequenz klingender Münze konzentriert, deren akustische Kraft unversehens zu Feuerpausen führt. Von der Unterstützung der Ganztagsschulen aus UMTS-Milliarden bis zum unlängst gelungenen Hochschulpakt und zur Bereitstellung von Mitteln für Exzellenzinitiative und Innovation gelingt es immer wieder, die Waffen zum Schweigen zu bringen, allerdings nur so lange, bis die alliierten Bildungsländer-Truppen mit dem Verteilungskampf beginnen. So gesehen finanziert der Steuerzahler gleich mehrere Bürgerkriege, um am Ende, allerdings beträchtlich geschrumpft um die Kriegskosten, das gleiche Geld (um-)verteilt zu bekommen, das er zuvor bereitgestellt hat.

Wer künftig solche Art von Bürgerkriegen nicht mehr finanzieren möchte, wer möchte, dass sein Geld in ein friedvolles Bildungssystem und nicht in kriegerische Bildungsadministration investiert wird oder wer schlicht die Nase voll hat vom provinziellen Bildungsländerheckmeck, der sollte die noch verbleibenden Tage bis zur Bundestagswahl nutzen, um die Parteiprogramme daraufhin zu prüfen, welchen Beitrag sie zur Stärkung des Bundes in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik vorsehen. Dann klappt es auch mit der Bildungsrepublik.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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