FREIE Sicht : Nur das Beste für die Studenten

Was ist der Unterschied zwischen einem deutschen Hochschullehrer und einer Ente? Beide gehen mit ihrem Kopf auf den Grund, während aber die Ente nur Appetithappen herauspickt, scannt der deutsche Professor komplett den gesamten Grund des Teiches, bildet dessen Struktur in seinem Kopf ab und vermittelt diese Struktur (seiner Disziplin) den Studierenden.

So gesehen ist deutsche Wissenschaft „gründ-lich“. Ihr Anspruch auch an die akademische Lehre geht oftmals doch dahin, den Studierenden wenigstens einen Überblick über ihr gesamtes Fach zu geben. Wenn die Studierenden zwei oder gar drei davon haben, ist die „Überbürdung“, wie es bereits im 19. Jahrhundert kritisch hieß, vorprogrammiert.

Die in der angloamerikanischen pragmatischen Bildungstradition denkenden Mütter und Väter des Bologna-Prozesses, kamen sie aus Großbritannien, den Niederlanden oder Skandinavien, gingen von einem Bildungsverständnis aus, das nicht auf die Vermittlung einer „Struktur der Disziplin“ setzt. Vielmehr sollten die neuen Studiengänge Bachelor und Master beruflich verwendbare Kompetenzen vermitteln.

Vor diesem Hintergrund unterscheidet sich auch akademischer Unterricht in den Ursprungsländern der Bologna-Reform von dem, der in Deutschland traditionell und bewährt war: Er ist eher problemorientiert, arbeitet mit Case Studies, ist stark exemplarisch und entdeckend, mit hoher Eigenaktivität der Studierenden. Wissenschaftler aus solchen Ländern haben mit dem Stofffülleproblem deshalb weniger zu schaffen, weil sie schlicht die Zahl von Fällen und Beispielen regulieren, an denen gelernt werden soll.

Dieser Widerspruch zweier großer Bildungstraditionen ist bei der Initiierung des Bologna-Prozesses nicht entdeckt, nicht diskutiert und schon gar nicht aufgelöst worden. Deshalb hat sich schleichend ein Unterrichtsverständnis im Bologna-Europa etabliert, das zu der deutschen, wenn nicht kontinentalen Tradition universitären Unterrichtens nicht ohne Weiteres passt.

Diese hinter der aktuellen Überlastungs-Diskussion liegende Widersprüchlichkeit muss nun aufgehoben werden. Wenn das kontinentale gelehrte Verständnis akademischen Unterrichts, wie wir es kennen, in Deutschland eine Chance haben soll, dann müssten (ausfinanzierte!) achtsemestrige Bachelorstudiengänge der Normalfall für solche Fächer sein, in denen die Vermittlung einer Fachstruktur essenziell ist. Anderenfalls wird der Unterschied zwischen Hochschullehrern und -lehrerinnen auf der einen und Enten und Erpeln auf der anderen Seite so zum Verschwinden gebracht, dass Wissenschaftler genötigt werden, sich auf das Herauspicken von Regenwürmern zu beschränken, die übrigens nicht einmal von Enten goutiert werden.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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