Freie Sicht : Professoren verdienen zu wenig

Im internationalen Maßstab gehören deutsche Hochschullehrer eher zu den weniger gut bezahlten Gelehrten und sind vielleicht deshalb oftmals so bescheiden, meint Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität.

Dieter Lenzen

1975 kaufte ich eine Lampe, ohne sofort zu bezahlen. Der Verkäufer meinte, auf der sicheren Seite zu sein, weil, wie er sagte, Professoren erstens wohlhabend, zweitens bescheiden und deshalb kreditwürdig seien.

Ein sympathisches Vorurteil, das damals so wenig zutraf wie heute. Im internationalen Maßstab gehören deutsche Hochschullehrer eher zu den weniger gut bezahlten Gelehrten und sind vielleicht deshalb oftmals so bescheiden. Derzeit beträgt das Einkommen eines W1-Professors (W wie Wissenschaft) in Berlin monatlich 3405,34 Euro brutto. Sie sind bei der Einstellung durchschnittlich 35 Jahre alt, haben einen oder mehrere Hochschulabschlüsse, eine Promotion, haben also mindestens ein Buch geschrieben, zahlreiche Sonntags- und Nachtdienste gemacht, wenn sie Mediziner sind, haben als Chemiker erste Vergiftungserscheinungen oder leiden unter Skoliose, wenn sie sich als Geisteswissenschaftler täglich stundenlang über kleingedruckte Bücher beugen.

Nach sechs Jahren als W1-Professor müssen sie gehen, im besseren Fall in eine andere, leicht besser bezahlte Professur oder zur Arbeitsagentur. Als „W2er“ erhalten sie 3890,03 Euro Grundgehalt und wenn sie irgendwann, im fünften oder sechsten Lebensjahrzehnt, zu den etwa 30 Prozent „W3er“ gehören: 4723,61 Euro mit der Chance auf leistungsgebundene Zulagen.

Ihre Kollegen in den USA starten demgegenüber bereits mit Ende zwanzig, Anfang dreißig als Professoren und nehmen das Doppelte und Dreifache ein. 55 Prozent von ihnen sind unkündbar.

Die Finanzkrise lockt manche nach Deutschland. Wenn sie auf das Einkommen achten, tun sie besser daran, sich zum Beispiel als Lehrer an einer staatlichen Schule zu bewerben. Mit 35 Jahren erhalten sie gleich 3542,53 Euro, Zuschläge und Zulagen nicht mit eingerechnet. – Also keine Missachtung des Bildungssektors generell, sondern nur der Hochschulen, denn im Gegensatz zu den Professoren stehen deutsche Lehrer im weltweiten Gehaltsranking ganz oben.

Neid? – Nein, nur ein Hinweis: Niemand möge sich wundern, wenn in naher Zukunft Hochschullehrer die Gefolgschaft verweigern, falls man ihre Hochschulen nach Produktstückzahlen budgetiert: Studentenköpfe, gedruckte Buchstaben, zitierte Wörter. Professoren, die „anschaffen gehen“ sollen, werden sich auch entsprechend verhalten: möglichst wenig Spaß für möglichst viel Geld, schnelle Nummern ohne menschlichen Bezug, kein Service ohne Schutz vor den Kunden.

Mit Bildung und Academia hat das nichts zu tun. Wer die Würde verloren hat, verhält sich wie jemand, der die Würde verloren hat: unwürdig, würdelos.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten. In der kommenden Zeit blickt er auf das Bildungswesen im Ausland.

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