Freie Sicht : Stifter, bildet Kartelle

Von Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität.

Man hat sich häufig mokiert über die fehlende Stiftungsbereitschaft in Deutschland. Die stiftungsfeindliche Steuergesetzgebung gilt als Ursache. Auf der einen Seite werden mehr „Bildungsstifter“ gefordert, auf der anderen bessere Rahmenbedingungen. Die Zahl der Stiftungen allein im Bildungsbereich beträgt aber bereits über 1500, nicht mitgezählt die zahlreichen im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft organisierten Spender. Das ist gut, aber unübersichtlich.

Durch Kartellbildung im besten Sinne könnte sichergestellt werden, dass zum Beispiel wichtige Förderungsbereiche für Bildung nicht zufällig übersehen oder missachtet werden. Mehrere Stiftungen könnten zeitbegrenzt gemeinsam größere Projekte anfassen und durch ihr Vorbild auch eine politische Wirkung erzeugen: den Finger auf die Lücken legen, die der Staat durch seine völlig unzulängliche Finanzierung des Bildungssystems in ignoranter Weise hinterlässt.

Synergetische Effekte setzen einen gemeinsamen Willen bei gleichzeitiger Sichtbarkeit der individuellen Spender voraus. Der ist im Engagement der Stifter im Grunde enthalten, sonst würden sie sich nicht für identische Ziele einsetzen. Strategisches Handeln erfordert aber mehr: einen Konsens darüber, welches die richtigen Strategien sind, um das hyperträge System in Bewegung zu bringen und das Geld nicht zu „verballern“.

Stiftungsmanagement ist eine komplexe Tätigkeit, für die sich langsam Professionalität herausbildet. Hier wird mittelfristig ein neuer akademischer Beruf entstehen. Es ist zu erwarten, dass potenzielle Stifter dann auch etwas von der Unsicherheit verlieren, die sie beschleicht, wenn sie befürchten müssen, dass die Mittel falsch eingesetzt werden, für die sie ein Leben lang gearbeitet haben.

Wenn die Sicherheit wächst, das Richtige zu tun, steigt die Stiftungsbereitschaft. Dort, wo der Staat sich in unendlichen bürokratischen Gleichheitsprozeduren verfängt, kann eine Stiftung zügig, effektiv und unkompliziert fördern, ohne Rücksicht auf allfällige Anspruchsanmeldungen zu kurz Gekommener. Auf deren Verlautbarungen muss ein Stiftungsnetzwerk mit professionellen Managern schlicht nicht hören. Denn eines wollen Stifter und Spender nicht: eine Bewässerung des Gesamtsystems unter dem Vorwand der Gerechtigkeit mit einer Gießkanne, deren Inhalt nur für ausgewählte Pflanzen reichen kann.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben