Freie Universität Berlin : Ist die OSI-Bibliothek bedroht?

Die fachbereichseigene Bibliothek soll in die Unibibliothek integriert werden. Bei einem Umzug sollen Dubletten wegfallen. Überzählige Bücher gehen an die Exiluniversität Minsk in Wilna.

Günter Bartsch

Dem Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (FU) könnte der Verlust einer halben Million Bücher drohen. Denn die Bibliothek des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften soll in die Unibibliothek (UB) integriert werden. Studentenvertreter kritisieren dabei das Vorgehen der Unileitung – die zuständigen Gremien seien nicht befasst worden. Das Präsidium sieht dies anders: Bisher liege lediglich eine Machbarkeitsstudie vor.

Tatsächlich sieht ein Papier der UB-Leitung vom August 2007 als „mögliches Szenario“ vor, die Bibliothek des Otto-Suhr- Instituts (OSI) und die Bestände von Soziologie, Ethnologie und Publizistik in die benachbarte Unibibliothek zu integrieren – im Rahmen der ohnehin notwendigen Sanierung der UB. Dort sollen etwa 250 neue Leseplätze entstehen, außerdem könnten Öffnungs- und Ausleihzeiten ohne zusätzliches Personal ausgeweitet werden. Der geplante Umbau – für rund 15 Millionen Euro – geschieht auch mit Blick auf die Konkurrenz: Mit der „Runderneuerung“ der UB könne gegenüber den anderen Berliner Hochschulen, bei denen Neubauten bereits abgeschlossen oder demnächst in Angriff genommen werden, „eine verbesserte Wettbewerbsposition“ eingenommen werden.

Studentenvertreter sehen dagegen vor allem Nachteile: Sie beklagen den Literaturverlust, der durch die Zusammenlegung der Bibliotheken entstünde. Bücher seien häufig verliehen – daher sei das Vorhandensein mehrerer Exemplare eines Bandes notwendig. Doch solche „Dubletten“ sollen nun ausgesondert werden – Bibliotheksmitarbeiter rechnen mit rund 500 000 Exemplaren. UB-Leiter Ulrich Naumann nennt eine deutlich niedrigere Zahl: Danach müssen im Idealfall nur 200 000 doppelte Bände ausgesondert werden – und lediglich solche, die kaum nachgefragt werden. Im August-Papier der UB ist noch von 300 000 bis 350 000 Bänden allein aus den Fachbibliotheken die Rede. Die Zahl hänge von den Möglichkeiten des Umbaus ab, so Naumann.

Doch es geht nicht nur um Bücher. Vielmehr fühlen sich die zuständigen Gremien vom Präsidium übergangen. So heißt es im Papier der UB-Leitung, das frühere Pläne zur Erweiterung des bestehenden OSI-Bibliotheksbereichs zu einer Sozialwissenschaftlichen Bibliothek „nicht weiter verfolgt“ werden. Solche Pläne wurden von der Bibliothekskommission des Otto-Suhr-Instituts ausgearbeitet. Doch außer Dekanin Barbara Riedmüller sei niemand im Fachbereich in die Planungen eingebunden worden, klagt ein Kommissionsmitglied. Dies zeige den gegenwärtigen Wandel der FU – weg von den demokratisch gewählten Gremien, hin zu zentralem Management.

Die Fachschaftsinitiative Geschichte schreibt in ihrem Weblog, es sei „symptomatisch“, dass „derartig radikale und unsinnige Pläne niemals offen mit den Betroffenen diskutiert werden“. Mitglieder der Bibliothekskommission sehen zudem Unabhängigkeit und Identität der Fachbibliotheken in Gefahr, wenn sie zur Unterabteilung der UB degradiert würden.

Präsident Dieter Lenzen teilt die Bedenken nicht: Laut seinem Sprecher Goran Krstin beginnt der Diskussionsprozess hinsichtlich der Umsetzung der Integrationspläne im kommenden Jahr. „Die Gremien, insbesondere die Bibliothekskommissionen, werden selbstverständlich einbezogen“, sagt Krstin. Die Unabhängigkeit des Fachbereichs sei durch die Pläne „in keiner Weise“ gefährdet.

Wie weit die Pläne schon fortgeschritten sind, zeigen Details: Die Dubletten sollen laut Krstin als Bücherspende an die weißrussische Europäische Humanistische Universität („Exiluniversität Minsk“) in Wilna gehen. Dort würden sie für den Aufbau der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung dringend benötigt. Und der Personalrat wurde bereits gebeten, seine Zustimmung für neue Stellen zu geben – zum Aussortieren der Bücher. Günter Bartsch

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