Freie Universität : Brandreden in Dahlem

Die Freie Universität ringt um Gütesiegel fürs Studium. Skeptiker befürchten eine neue „Kontrollbehörde“, Pragmatiker fordern „mehr Mut“.

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Auf den Tüv warten. Die meisten Studiengänge an der FU sind noch nicht akkreditiert.
Auf den Tüv warten. Die meisten Studiengänge an der FU sind noch nicht akkreditiert.Foto: FU/David Ausserhofer

Die Freie Universität bereitet sich selbst eine Zitterpartie. Am vergangenen Mittwoch hielten Professoren im Akademischen Senat (AS) Brandreden, Zuhörer warteten gespannt auf das Ergebnis der Abstimmung. Es ging um die für die FU bedeutende Frage, auf welchem Weg die Uni die Gütesiegel für ihre Studiengänge in Zukunft bekommen will – eine Frage, die alle deutschen Hochschulen gerade umtreibt: Soll weiterhin eine Akkreditierungsagentur jeden einzelnen Studiengang auf Herz und Nieren prüfen (Programmakkreditierung)? Das ist zeitlich sehr aufwendig, teuer (pro Studiengang um 15000 Euro) und mit Auflagen verbunden, die die Professoren nicht immer nachvollziehen können. Oder soll die FU lieber versuchen, das Gütesiegel für ihr eigenes Qualitätsmanagement zu bekommen, um fortan selbst als Tüv für ihre Studiengänge auftreten zu können (Systemakkreditierung)? Dann wäre die FU autark, sie könnte vielleicht Geld sparen und bei der Begutachtung der Studiengänge besser die Argumente der Institute berücksichtigen. Sie gewönne auch an Prestige.

Allem Anschein nach müsste die FU die System- der Programmakkreditierung vorziehen. Und genauso plant sie es auch seit 2008. Doch an der FU können scheinbare Selbstverständlichkeiten neuerdings im AS zu dramatischen Hängepartien werden. Dort dominieren seit den letzten Gremienwahlen die stärker links orientierten Skeptiker und verbreiten unter den Pragmatikern Angst und Schrecken. Vor einem Monat konnten die Pragmatiker die Abstimmung über den Antrag der Skeptiker, „die bürokratische, personelle und finanzielle Ressourcen blockierende Systemakkreditierung“ bis auf Weiteres auf Eis zu legen, nur knapp verhindern – zu ihrem Glück, denn sie wären vermutlich überstimmt worden.

Am Mittwoch lag das Papier nun wieder vor. Die Antragstellerin, die Sinologie-Professorin Mechthild Leutner vom linken Dienstagskreis, erklärte, es sei „verantwortungslos in die Systemakkreditierung einzusteigen“, zumal „weite Teile der Universität“ Bedenken hätten. Angesichts der Belastungen durch den Exzellenzwettbewerb „sollten wir uns so was im Moment nicht ans Bein binden“. Die FU solle aus bereits eingeleiteten Maßnahmen aussteigen, etwa aus dem Vertrag mit der Agentur „Aqas“. Schon im April hatte Leutner davor gewarnt, mit der Systemakkreditierung eine neue teure „Kontrollbehörde“ in der FU zu schaffen, die Qualität letztlich auf der Basis FU-ferner Kriterien ermitteln würde. Die Probleme in der Lehre seien aber am besten durch mehr Personal zu lösen.

Der Anthropologie-Professor Reinhard Bernbeck, ebenfalls im Dienstagskreis, sagte: „Die Systemakkreditierung ist kein Wettbewerb, wir müssen nicht die Ersten sein.“ Tatsächlich hat bundesweit nur die Universität Mainz bereits die Systemakkreditierung erreicht. Doch die FU scheint gleichwohl unter Zeitdruck zu stehen. Denn erst ein knappes Fünftel ihrer Studiengänge ist bereits akkreditiert, weil sie sich auf die Systemakkreditierung fixiert hat. Zum Vergleich: An der Humboldt-Universität sind 81 Prozent der Studiengänge akkreditiert, an der TU Berlin fast 70 Prozent.

Der Studentenvertreter Mathias Bartelt schlug vor, das Urteil des Bundesverfassungsgericht abzuwarten. Es prüft, ob die Akkreditierungsverfahren verfassungsgemäß sind. Das Verwaltungsgericht Arnsberg hatte Zweifel an der Akkreditierungspflicht in NRW angemeldet, unter anderem, weil sie gegen die Wissenschaftsfreiheit verstoßen könne.

Trotz solcher Argumente bekamen diesmal die Pragmatiker im AS Oberwasser. Den Stimmungsumschwung leitete Doris Kolesch, die Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, mit einer empörten Rede ein: „Ich kann nicht verstehen, warum die FU so mutlos agiert!“, rief Kolesch. „Wir warten seit zwei Jahren auf die Systemakkreditierung. Wir haben keine Angst. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!“ Es gebe eine große „Verunsicherung“ unter den Studierenden, weil so viele Studiengänge an der FU noch nicht akkreditiert sind. Auch Hochschulen im Ausland, mit denen die FU kooperieren wolle, würden akkreditierte Studiengänge erwarten: „Wir müssen uns das zutrauen, und wir können es uns zutrauen!“, appellierte Kolesch. Von mehreren Wissenschaftlern kam Unterstützung: „In Mexiko werde ich gefragt, was bei uns los ist“, sagte ein Professor. Ein anderer sagte, die Sache sei „dringend“. Der Veterinärmediziner Leo Brunnberg erklärte: „Unter den Dekanen kenne ich keinen, der das ablehnt.“

Das Gremium beschloss schließlich in geheimer Abstimmung mit 19 gegen sechs Stimmen einen schon im Vorfeld ausgearbeiteten Kompromissvorschlag: Danach befürwortet der AS „prinzipiell“ die Systemakkreditierung, setzt aber wegen manchen Klärungsbedarfs eine Arbeitsgruppe ein, um inhaltliche Schwerpunkte für das Verfahren zu erarbeiten und eine Expertenanhörung zu organisieren. In welchem Tempo die FU nun mit der Systemakkreditierung vorankommt, wird sich zeigen. Zuletzt wollte sie sie 2014 erreicht haben.

TU-Präsident Jörg Steinbach sagte auf Anfrage, er hoffe, dass die TU das Verfahren zur Systemakkreditierung im Jahr 2012 beenden werde. Es gehe langsamer voran als gedacht. Angesichts ihrer Finanzlage könne die TU aber nur zwei Zwei-Drittel-Stellen dafür bereitstellen. Außerdem sei die „Begeisterung noch begrenzt“: TU-Angehörige befürchteten, mit der geforderten Prozessanalyse gehe die bisher als angenehm empfundene „pragmatische Unschärfe“ bei den Verantwortlichkeiten verloren: „Alles wird sehr transparent.“ Auch gebe es die allerdings unbegründete Sorge, dass von einmal implementierten Prozessen später nicht mehr abgewichen werden könne: „Das wirkt alles unheimlich diktatorisch.“ Steinbach verweist aber auf seine Erfahrungen in der Industrie: „Wenn die Prozesse einmal durchdacht und aufgeschrieben sind, ist es ein Vorteil.“ Die Uni habe es außerdem in ihrer Hand, „die Detailtiefe“ der vorgeschriebenen Abläufe selbst zu steuern: „Es gibt ein Risiko, aber man kann damit umgehen.“

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