Freie Universität : Professor Unrast

30 Jahre Demo: Politikprofessor Peter Grottian geht in Pension

Peter Grottian Foto: Kai-Uwe Heinrich
Peter Grottian -Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Als Politikprofessor muss man sich einmischen. Ich bin kein Biologe.“ Dieser Devise ist Peter Grottian gefolgt, seit er 1979 Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität wurde. Grottian hat sich dabei zu Berlins prominentestem Demonstranten entwickelt. Stets das Handy am Ohr, umringt von Mitstreitern und immer ansprechbar für Journalisten, organisiert er den Widerstand gegen alles, was ihm sozial ungerecht erscheint. Nun wird Grottian als Professor in den „Unruhestand“ treten, wie er selbst formuliert. Ende des Sommersemesters geht er in Pension.

„Die Protestform, die man wählt, muss die etablierten Institutionen provozieren“, sagt er. Als die Verkehrsbetriebe die Preise erhöhten, rief Grottian deshalb zum Schwarzfahren auf. Bei den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV setzte er sich genauso an die Spitze eines Zuges zum Arbeitsamt in Wedding wie bei den „Spaziergängen“ zu den Villen der in den Berliner Bankenskandal verstrickten Bankvorstände. Grottian ist der Gründer der „Initiative Berliner Bankenskandal“ und Mitbegründer der „Initiative Berliner Sozialforum“.

Grottian nervt mit seinen Aktionen viele – sogar Linke. Ihm gefällt das. Parteien und Gewerkschaften hält er sowieso für verkrustete Großorganisationen, unfähig, die großen Probleme der Zeit anzugehen. Der frühere PDS-Fraktionschef Stefan Liebich äußerte den Eindruck, für Grottian sei „das Spektakuläre“ an seinen Aktionen am wichtigsten. „Aktionismus“ warfen ihm auch schon Grüne wegen seiner Hartz-Proteste vor. Und die SPD-Abgeordnete Heidi Fischer verlangte von Grottian sogar, er solle sich auf das beschränken, „wofür der Staat ihn bezahlt“, auf Lehre und Forschung.

Damit dürfte sie den FU-Präsidenten aus der Seele sprechen. Man muss bis zu Eberhard Lämmert (FU-Präsident von 1976 bis 1983) zurückgehen, um einen ausfindig zu machen, der Grottian zur Emeritierung etwas Freundliches nachrufen möchte. Der amtierende Präsident Dieter Lenzen schweigt genauso beredt wie seine Vorgänger Peter Gaehtgens und Dieter Heckelmann. Grottians recht kurze Publikationsliste, darunter Forschungen zu neuen sozialen Bewegungen in der Großstadt (1983), zur „Wohlfahrtswende“ (1988) oder zur „Halbierung der Arbeitslosigkeit“ (1994) mögen manchem den Eindruck vermitteln, er habe seine Professur zweckentfremdet. Ebenso wie die Arbeitsmittel der Freien Universität, Faxgeräte, Briefpapier, Telefone, die Grottian „illegal“ für seine politischen Aktionen missbrauche, wie sich die FU beschwerte. Grottian, seit 1985 aus Überzeugung Teilzeitprofessor, sah es gelassen: Er sei gerne bereit, die Kosten zu begleichen. „Leute wie ich wurden früher an der Universität als eine Möglichkeit gesehen, seine Funktionen als Hochschullehrer wahrzunehmen“, sagt Grottian dazu. „Heute gelte ich als nicht mehr berufungsfähig.“

Der Unruhestifter hat noch mehr Widersacher. Im Jahr 2002 zündeten Autonome in Kreuzberg Grottians Auto an, nachdem er gefordert hatte, die friedlichen Bürger sollten am 1. Mai die Straße zurückerobern. Grottian ist aber weder ängstlich noch nachtragend. Gut möglich, dass er sich auch ein bisschen geehrt fühlte, weil die Justiz immer wieder gegen ihn ermittelte und er vom Verfassungsschutz wegen seiner Aktivitäten im „Berliner Sozialforum“ ausgespäht wurde.

Die neue soziale Bewegung ist für Grottian ein Glücksfall. Ohne sie würde der Professor etwas aus der Zeit gefallen wirken. Als Grottian 1973 nach Berlin kam, passte er als flammender Linker noch gut in die Welt. Im Komitee für Menschenrechte und Demokratie kämpfte er gegen Berufsverbote für marxistische Lehrer, machte mit bei „Bürger beobachten die Polizei“. Während seine Mitstreiter aus 68er-Tagen sich auf ihrem Marsch durch die Institution zunehmend beruhigten, hat Grottian nie Ruhe gegeben. Das soll auch so bleiben. Er will demnächst drei Volksbegehren mit auf den Weg bringen: zum Verkauf der Sparkasse, für die Rekommunalisierung der Wasserbetriebe und gegen Studiengebühren und den eingeschränkten Zugang zum Masterstudium. akü, -ry

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben