Freiheitsentziehende Maßnahmen im Heim : Auf den Gurt verzichten

In Pflegeheimen werden verwirrte Bewohner oft hinter Bettgitter gesteckt oder angegurtet. Ob sie dieser Freiheitsentzug wirklich schützt, ist fraglich.

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Teufelskreis. Bei fixierten Senioren bauen die Muskeln ab. Zugleich nimmt ihr Bewegungsdrang durch die erzwungene Immobilität zu. Wenn sie sich ausnahmsweise einmal bewegen, stürzen sie noch schneller. Foto: imago/epd
Teufelskreis. Bei fixierten Senioren bauen die Muskeln ab. Zugleich nimmt ihr Bewegungsdrang durch die erzwungene Immobilität zu....Foto: imago/epd

Freiheitsentziehende Maßnahme, FEM, das klingt nach Gefängnis, nach dem Jargon der Verwaltungsetage, weit weg vom Geschehen. Aber es geht um Oma und Opa, um Mama und Papa, die wirr geworden sind, aus dem Bett fallen, nachts herumgeistern und sich bei Stürzen die Knochen brechen oder grün und blau vor Hämatomen sind. Also lieber ein Bettgitter anbringen oder gar angurten?

Der Gewissenskonflikt ist garantiert. 2009 schreibt eine Angehörige in einem Internetforum: Bisher war ihre Mutter, die in einem Pflegeheim lebt, mit dem Bettgitter einverstanden. Nun beschwert sie sich, sie fühle sich wie im Gefängnis und wolle selbst entscheiden, wann sie auf dem Bett sitzt. Sie schiebt ihre Beine durch den Spalt des Gitters und legt sich längs ins Bett. Die Tochter bekommt es mit der Angst zu tun, weil ihre Mutter sich so die Beine quetschen oder brechen kann. Ein paar Tage zuvor ist sie auf dem Weg zur Toilette gestürzt. Noch immer ist sie blau im Gesicht. Die Tochter hadert, wie sie entscheiden soll. Den Willen der Mutter respektieren? Oder einen richterlichen Beschluss für freiheitsentziehende Maßnahmen erwirken? Dann würde ihre Mutter zusätzlich zum Bettgitter wohl mit einem Drei- oder Fünf-Punkt-Gurt im Bett angeschnallt. Sicherheitshalber. „Schrecklich“, schreibt die Frau. Und bittet um Rat.

Vor rund zehn Jahren prangerten Forscher und Medien den Freiheitsentzug bei älteren Menschen in der Pflege erstmals an. Ans Bett gefesselt, an den Rollstuhl gegurtet oder mit Stecktischen am Aufstehen gehindert. Wer weglief, wurde im Zimmer eingesperrt. Oder das Personal stellte die „schwierigen“ Bewohner mit Psychopharmaka ruhig. Das Pflegeheim als Aufbewahrungsanstalt für Ältere, das war das Bild, das entstand. 2008 berichtete die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer, damals an der Universität Witten Herdecke, dass je nach Pflegeheim zwischen knapp 60 Prozent und vier Prozent der Bewohner in ihrer Freiheit beschnitten wurden. Besonders Patienten mit Demenz oder psychiatrischen Erkrankungen und Sturzgefährdete gurtete das Personal an. Weil sie meist nicht einwilligungsfähig sind, ist dazu ein richterlicher Beschluss erforderlich.

"Das Bettgitter ist bis heute der Deutschen Liebling"

Trotz der Debatte um Würde und Autonomie hat sich in der Pflege nicht allzu viel geändert. „Das Bettgitter ist bis heute der Deutschen Liebling“, sagt Meyer, die inzwischen an der Universität Halle forscht. „Sobald jemand nicht mehr ganz klar im Kopf ist, wird schnell der Ruf nach Gitter und Gurt laut.“ Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft verzeichnet über ihr Beratungstelefon viele Anrufer, die sich über den Freiheitsentzug erkundigen.

Nur die Anschauung hat sich verändert, sagt Reinhard van Loh, Leiter des evangelischen Bethesda-Seniorenzentrums in Gronau: „Als ich vor zehn Jahren unser Konzept, möglichst ohne freiheitsentziehende Maßnahmen auszukommen, auf Kongressen vorstellte, wurde ich angegriffen: Das ist gefährliche Pflege, was ihr macht! Heute müssen wir uns nicht mehr rechtfertigen.“

Niemand fixiert die Bewohner aus böser Absicht. Die meisten Einrichtungen sorgen sich um die Gesundheit des Betroffenen und das Wohl der anderen Bewohner. Etwa bedroht eine wirre alte Dame Mitbewohner, in deren Zimmer sie nachts wie tags eindringt. Oder eine gebrechliche Person könnte sich bei einem Sturz den Oberschenkel brechen. Das sei eine der gefürchteten Vorstellungen, legt die Pflegewissenschaftlerin Doris Bredthauer vom Gesundheitsamt Aurich dar, die den Freiheitsentzug in der Pflege bis 2013 an der Fachhochschule Frankfurt erforscht hat. Aus Fürsorge entscheidet das Personal, die Autonomie des Menschen zu beschneiden. Weniger offensichtlich, aber meist aus demselben Grund, verordnen Ärzte Psychopharmaka, um den „anstrengenden Bewohner“ ruhigzustellen. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft häuft sich gerade diese „medikamentöse Fixierung“. Mehr als jeder zweite Demenzpatient bekommt Pillen gegen Unruhe und Angstzustände.

Mit einer Flex sägte er die Metallgestelle der Betten ab

Es geht auch anders. Das zeigt schon, dass Heime mit der Fixierung unterschiedlich umgehen. Einige kommen fast ohne aus. Dass weniger möglich ist, bewies Bredthauer in ihrer Studie „Redufix“. Bei jedem Fünften von 364 Menschen, die während des Verlaufs der Studie teilweise oder vorübergehend angegurtet wurden, konnte die Forscherin die Zeiten der Einschränkung vermindern. 48 Senioren konnten ganz ohne leben.

Auch Reinhard von Loh, Heimleiter des Gronauer Seniorenzentrums, begann vor zehn Jahren, eine Pflege ohne Fixierungen zu erarbeiten. „Es graute mir davor, als alter Mensch angebunden zu werden. Das möchte ich für kein Geld der Welt“, nennt er seine Motivation. Seine Ideen waren kreativ und unkonventionell: Mit einer Flex sägte er mit seinen Mitarbeitern die Metallgestelle der Pflegebetten ab, sodass diese nur noch dreißig Zentimeter hoch waren. Nachdem er eine Matte davorlegte, konnten die Bewohner sich nicht mehr verletzen, wenn sie herausfielen. Mittlerweile gibt es Niedrigbetten im Handel, die bis auf zwanzig Zentimeter heruntergefahren werden können.

Mit einer einzelnen Lösung war es nicht getan: Kontaktmatten lösen heutzutage in dem Seniorenzentrum einen Notruf aus, wenn eine Person aus dem Bett geht oder fällt. Hüftprotektoren mit Gelpads schützen die Laufenden vor Stürzen. Zudem sorgt das Personal mit einem speziellen Bewegungsprogramm dafür, dass die Senioren möglichst mobil und fit bleiben. In Rollstühlen legt das Personal Antirutschmatten ein, damit die Nutzer nicht hinausfallen. Senioren, die einen hohen Bewegungsdrang haben, setzen sie in einen Trippelrollstuhl, in dem sie mit den Füßen trippeln und sich so fortbewegen können.

Die Fixierung kann einen Teufelskreis auslösen

Bredthauer bestätigt, dass solche Hilfsmittel gut angenommen werden. Das Wichtigste aber seien Schulungen der Mitarbeiter, damit diese den Bewohnern möglichst viel Freiheit gewähren. „Wir haben vielleicht einen unter hundert Bewohnern im Jahr, den wir zeitweilig fixieren müssen“, sagt van Loh. „Ganz darauf verzichten wird man nie können, weil es Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen gibt, die andere und sich selbst extrem gefährden.“

Bisher konnten Studien keinen Nutzen für das Angurten nachweisen. Im Gegenteil: Stürze nehmen zu und zeitigen häufiger schwere Folgen wie Knochenbrüche. „Weil fixierte Senioren kaum laufen, geht ihre Beweglichkeit verloren und die Muskeln bauen ab. Wenn sie sich dann ausnahmsweise einmal bewegen, stürzen sie schnell. Zugleich nimmt ihr Bewegungsdrang durch die erzwungene Immobilität zu. Sie werden aggressiver und verhaltensauffälliger“, beschreibt der Psychiater Wilhelm Stuhlmann aus Erkrath den Teufelskreis. Während seines gesamten Berufslebens hat er sich für einen Abbau der Fixierungen starkgemacht.

"Ein Sturz ist im Alter ein normales Lebensrisiko"

Obwohl das Seniorenheim in Gronau freiheitsentziehende Maßnahmen meidet, halbierte sich die Zahl der Stürze in den vergangenen zehn Jahren fast, auf derzeit rund 40 pro Jahr. „Auch die Folgen sind geringer“, sagt van Loh, wendet aber ein: „Ein Sturz im Alter ist ein ganz normales Lebensrisiko. Das ist zu Hause und auch im Pflegeheim so.“ In Bredthauers Studie stürzten die Bewohner zumindest nicht häufiger, weil sie freier lebten. Sie brauchten indes etwas weniger Psychopharmaka. Mehr Freiheit bedeute weniger Stress und damit weniger auffälliges Verhalten, so mutmaßt die Forscherin. Das Personal, beobachtete Bredthauer, reagiert erleichtert, wenn es die Betreuten nicht mehr anschnallen muss.

Aus einem Gewissenskonflikt heraus gurten Pfleger die Bewohner mitunter nicht sonderlich fest an. Das ist fatal. Dutzende Tote hat der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos begutachtet, die falsch fixiert waren und sich zu befreien versuchten. Sie rutschten unter das Bettgitter und starben oder sie strangulierten sich mit dem Gurt. Auch wegen dieser Todesfälle haben einige Heimleiter Abstand von den Zwangsmaßnahmen genommen.

Der Frau im Internetforum rieten die meisten, keinen richterlichen Beschluss für eine Fixierung zu erwirken, sondern den Dingen ihren Lauf zu lassen. Das ist leichter geschrieben als erlebt. Denn die Mutter wird wieder stürzen und dann nagen die Selbstzweifel.

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