Fritz Pleitgen im Interview : „Ein dunkler Schatten auf Ruhr 2010“

„Ruhr 2010 “ und die Toten der Loveparade: Geschäftsführer Fritz Pleitgen über die Folgen für das Kulturhauptstadtjahr

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Fritz Pleitgen, seit 2007 Geschäftsführer der „Ruhr 2010“.
Fritz Pleitgen, seit 2007 Geschäftsführer der „Ruhr 2010“.Foto: imago stockpeople, Thomas Aurin

Herr Pleitgen, hat die Tragödie von Duisburg das Kulturhauptstadtjahr verändert?

Gegenwärtig liegt natürlich ein dunkler Schatten auf „Ruhr 2010“. Wie sich das bis zum Ende des Jahres auswirkt, vermag ich jetzt nicht vorauszusagen. Wir werden unser Programm fortsetzen, mit Angeboten, wie sie geplant waren. Wir hatten ohnehin keine Veranstaltungen im Programm, die mit den Gefühlen der Menschen kollidieren.

Sie haben die Loveparade in das Kulturhauptstadtprogramm aufgenommen.

Wir sind in einer schwierigen Situation. Einerseits hatten wir das Projekt Loveparade mitgenommen, andererseits sind wir nicht der Erfinder dieses Projekts. Wir haben im Ruhrgebiet zweimal erlebt, dass sie gut funktioniert hat. Und wir haben den Anspruch, dass wir auch junge Menschen erreichen, nicht nur das Abo-Publikum. Deswegen haben wir die Loveparade für eine gute Ergänzung unseres Programms gehalten. Organisatorisch und finanziell waren wir an der Loveparade nicht beteiligt.

Der Druck auf die Verantwortlichen in Duisburg, im Kulturhauptstadtjahr eine Lösung für die Loveparade zu finden, war groß – obwohl es möglicherweise gar kein geeignetes Gelände in der Stadt gab.

Dieser Interpretation folge ich nicht. Zwar haben sich eine ganze Reihe von Politikern und Kulturschaffenden dafür ausgesprochen. Auch ich habe mich aus den genannten Gründen für die Loveparade starkgemacht. Das hatte aber keinen entscheidenden Einfluss.

Bereits vor der Loveparade ist „Ruhr 2010“ Gigantomanie vorgeworfen worden. Tausende Sänger beim Day of Song, Mahlers „Sinfonie der Tausend“ mit sechs Orchestern und mehreren Chören. Wird Kultur nur noch wahrgenommen, wenn sie viel und groß ist?

Der eine oder andere hat im Zusammenhang mit dem Kulturhauptstadtjahr von Größenwahn gesprochen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Wir müssen auch solche Gemeinschaftserlebnisse schaffen. Denn wir verstehen das Ruhrgebiet als polyzentrische Metropole und wollen den Geist der Kooperation stärken. Wir haben 53 Städte, da müssen wir die Menschen zusammenbringen. Und Mahlers „Sinfonie der Tausend“, die ja auch mit über 1000 Musikern uraufgeführt wurde, bot sich da an. Wir konnten Chöre und Orchester aus verschiedenen Städten zusammenbringen. Insgesamt aber ist die Zahl der Großprojekte begrenzt: Von 300 Projekten sind nur fünf Großveranstaltungen, die Loveparade mitgerechnet. Da kann man doch nicht von Größenwahn sprechen.

Sie haben aber auch hohe Ansprüche zu erfüllen. Zugespitzt kann man sagen, dass Sie belegen wollen, dass das Ruhrgebiet eine Metropole ist.

Wir wollen uns nicht mit Berlin, London oder Paris vergleichen. Das Ruhrgebiet ist etwas ganz Eigenes. Aber ich schaue hier auf meine Karte und sehe einen großen, zusammenhängenden Ballungsraum. Warum darf dieser Raum sich eigentlich nicht als Metropole bezeichnen? Warum diese Herablassung, die da oft mitschwingt? Hier leben 5,3 Millionen Menschen!

Beim Begriff der Metropole denkt man an politische und kulturelle Zentren.

Die politische Macht interessiert mich nicht so sehr. Ich schaue vor allem auf die kulturelle Leistungsfähigkeit. Und da kann sich das Ruhrgebiet sehr gut mit den berühmten Städten messen, die den Begriff für sich in Anspruch nehmen. Für mich ist genau das auch die Herausforderung: die kulturelle Bedeutung des Ruhrgebiets zu reklamieren.

Ist das nicht auch die Tragik der Loveparade? „Ruhr 2010“ sollte den Menschen im Ruhrgebiet zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen. In Duisburg haben nun alle das Gefühl, schlechter dazustehen als vorher.

Sie tun so, als wäre die Veranstaltung so geplant worden, dass das Unglück passieren musste. Ich möchte erst einmal abwarten, was die Aufklärung der Sache durch die Staatsanwaltschaft bringt. Dass auch das Ruhrgebiet grundsätzlich solche Veranstaltungen durchführen kann, das ist ja in Essen und Dortmund bewiesen worden. Dass man das jetzt nutzt, um auf das Ruhrgebiet einzuschlagen, ist nicht in Ordnung.

Fährt man durch eine Stadt wie Essen, sieht man Arbeitslose am Kiosk und geschlossene Läden, wo einmal Einkaufsstraßen waren. Sind Performances wirklich das, was das Ruhrgebiet braucht?

Ich denke ja. Ich habe nur die schlichte Formel, dass Kultur die Menschen inspiriert. Man muss sie ansprechen. Man kann das Ruhrgebiet nicht aufgrund seiner Strukturschwäche zur kulturlosen Region erklären. Das halte ich für asozial. Durch Kultur kann eine Menge erreicht werden, auch durch die Kreativwirtschaft. Wir werden damit die Welt nicht aus den Angeln heben, aber dass etwas unternommen werden muss, auch wenn die Lage schwierig ist, ist ganz klar. Das Bild, das Sie zeichnen, ist einseitig. Sie finden im Ruhrgebiet auch sehr vitale Gegenden und Stadtteile, die sich aus schwierigen Situationen wieder herausgearbeitet haben. Auch in Duisburg.

Sie haben eine positive Halbzeitbilanz gezogen. Können Sie schon absehen, ob sich das Ruhrgebiet durch das Kulturhauptstadtjahr verändert hat?

Die Kulturhauptstadt hat – wenn man von der Loveparade absieht – unsere Erwartungen weit übertroffen. Überrascht hat uns der große Zuspruch der Bevölkerung. Es sind nicht nur die üblichen zehn Prozent, die gekommen sind. Das war uns das Wichtigste. Auch die Kooperationsbereitschaft unter den Städten war erfreulich, das wird für die Zukunft weiterhelfen. Viele Einrichtungen werden bleiben, wie das Dortmunder U, das Viktoriaquartier in Bochum, das Hagener Kunstquartier, die Mercatorinsel und die Küppersmühle in Duisburg. Das Jahr 2010 wird die Metropole Ruhr ein gutes Stück voranbringen – mithilfe der Kultur.

Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

Fritz Pleitgen, 72, war von 1995 bis 2007 Intendant des WDR und ist Geschäftsführer von Ruhr 2010, die das Programm für das Kulturhauptstadtjahr in Essen und dem Ruhrgebiet verantwortet. Bei der Loveparade in Duisburg waren am 24. Juli bei einer Massenpanik 21 Besucher ums Leben gekommen. Pleitgen hatte gesagt, er fühle sich „moralisch mitverantwortlich“.

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