Wissen : Frostiger Dammbruch

Vor 8400 Jahren war der Golfstrom bereits einmal unterbrochen

Roland Knauer
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Vor rund 8400 Jahren kam es in Nordamerika zur Katastrophe. Der Damm aus Eis und Geröll, der bisher den riesigen Agassizsee bändigte, brach. Die Wassermassen ergossen sich in den Nordatlantik. Menschen dürften damals kaum zu Schaden gekommen sein, denn der Norden des heutigen Kanada war öde und leer.

Doch Tausende von Kilometern weiter wirkte sich der Dammbruch auf die Steinzeitmenschen verheerend aus. Der wärmende Golfstrom brach ab, die Temperaturen im Westen Europas sanken um rund fünf Grad Celsius. Dieses Geschehen belegten Autoren um Helga Flesche Kleiven (Universität im norwegischen Bergen) kürzlich in einer Online-Publikation des Fachmagazins „Science“.

Die Forscher untersuchten dazu die Ablagerungen des Meeresbodens in rund 3440 Meter Wassertiefe wenige hundert Kilometer südlich der Südspitze Grönlands. In einer Tiefe zwischen 345 und 315 Zentimetern fanden sie erheblich weniger magnetische Gesteinssplitter als in den Schichten darunter oder darüber. Die weitaus meisten dieser Splitter stammen aus Granitgestein des hohen Nordens und werden von Wasserströmungen in der Tiefe dorthin getragen.

Deutlich weniger magnetische Gesteinssplitter in dieser Schicht deuten also auf eine recht abrupte Unterbrechung der Tiefenwasserströme vor 8380 Jahren hin. So alt ist nämlich der Meeresboden in 345 Zentimeter Tiefe. Schon hundert Jahre später normalisierten sich die Verhältnisse wieder, wie die Zunahme der magnetischen Steinsplitter in 315 Zentimeter Tiefe zeigen.

Eine Ursache für die Tiefenwasserströme ist die Abkühlung des Salzwassers durch die schmelzenden Gletscher Grönlands. Je kühler das Wasser ist, desto schwerer wird es. So sinkt das kalte Wasser in die Tiefe und strömt an der Spitze Grönlands vorbei nach Süden. Im Gegenzug fließt an der Oberfläche warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko in den hohen Norden und wärmt dabei den Westen Europas um rund fünf Grad Celsius auf.

Im Agassizsee sammelte sich damals das Wasser der schmelzenden Gletscher, die Nordamerika während der Eiszeit tausende Meter hoch bedeckten. Weil im Süden das Land anstieg und im Norden die letzten Eismassen den Weg in die heutige Hudson-Bay versperrten, staute sich das Wasser immer höher, bis der Agassizsee mit 440 000 Quadratkilometern größer wurde als jeder heute bekannte Süßwassersee.

Der immer größer werdende Druck der Wassermassen brachte den Eisdamm im Norden schließlich zum Bersten. Die in den Nordatlantik schießenden Wassermassen trugen auch die Sedimente mit sich, die sich in dieser Zeit verstärkt am Meeresboden ablagerten. Durch den Zustrom des Süßwassers aus dem Agassizsee in den Nordatlantik verringerte sich damals der Salzgehalt, das Meerwasser wurde leichter. Folglich sank es nicht mehr tief genug. Die Wasserströme kamen ins Stocken. Dass damals tatsächlich riesige Süßwassermengen aus dem Agassizsee in den Atlantik strömten, sehen die Forscher an der Menge der Sedimente. Während sich vor der Südspitze Grönlands ansonsten in tausend Jahren etwa 90 Zentimeter Sediment ablagerten, stieg die Menge auf zwei Meter pro tausend Jahre, als die Tiefenströme vor 8380 Jahren stoppten. Roland Knauer

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