Wissen : Frühe Schrift, erste Götter

Neue Funde in der Kultanlage auf dem Göbekli Tepe zeigen eine Hochkultur der Jäger und Sammler

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Göbekli Tepe war offenbar ein Bergheiligtum für Jäger und Sammler. Foto: DAI
Göbekli Tepe war offenbar ein Bergheiligtum für Jäger und Sammler. Foto: DAI

Die Überraschungen im ältesten Tempel der Welt auf dem Göbekli Tepe reißen nicht ab: In der letztjährigen Grabungskampagne hat Klaus Schmidt in der Hügelwelt Ostanatoliens eine Steinfigur aus dem Schutt der Jahrtausende gezogen, die ihm erst einmal nur ein „Total verrückt!“ entlockt. Der Prähistoriker von der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin grub in der Nähe der Provinzstadt Sanliurfa eine fast zwei Meter große Plastik aus, die trotz aller Zerstörungen drei übereinander hockende Figuren erkennen lässt. Klaus Schmidt fühlt sich spontan an die Totempfähle nordamerikanischer Indianer erinnert. Aber sein Totempfahl ist 12 000 Jahre alt.

Die Gesichter der drei Wesen sind zwar zerstört, doch weisen sauber gemeißelte Hände auf mindestens zwei menschliche Gestalten hin. Die Hände des einen scheinen den Kopf des unteren zu halten. An zwei Seiten recken sich zwei Schlangen mit überdimensionierten Köpfen empor. Auf der Spitze könnte ein Raubtier – Bär, Löwe oder Leopard – hocken. Oder ein Mischwesen wie der steinzeitliche „Löwenmensch“ von der Schwäbischen Alb. Ein ähnliches Fragment wurde vor 20 Jahren in der benachbarten, aber rund 500 Jahre jüngeren Steinzeitsiedlung Nevali Çori gefunden. Das ist dann aber auch schon alles an Vergleichbarem. Es gibt trotz intensiver Suche weiterhin nirgends einen in Alter und Ausführung ähnlichen archäologischen Fundplatz. Die Kultanlage auf dem Göbekli Tepe bei Sanliurfa ist und bleibt ein Unikat.

Klaus Schmidt sieht den Ort als zentrales Bergheiligtum für die Jäger und Sammler im nördlichen Mesopotamien am Übergang von der Alt- zur Jungsteinzeit vor rund 12 000 Jahren. Die konnten Ton noch nicht zu Keramik brennen, experimentierten aber wohl schon mit Anbau und Ernte von Wildgräsern und Getreide. Sie wohnten noch nicht in festen Siedlungen. Aber sie errichteten ihren Göttern eine gewaltige Wohnstätte: Vier runde Steinbauten mit Durchmessern bis zu 20 Metern und über 40 Pfeiler kamen bislang ans Licht. Weitere Rundbauten sind im Untergrund mit geophysikalischen Methoden detektiert worden. Die Pfeiler sind in die Umfassungsmauern eingepasst, meist 2,50 Meter groß und aus einem Stein gemeißelt. Sie haben eine ausgeprägte T-Form und sind mit einer ganzen Menagerie von Tieren im Flachrelief geschmückt: Fuchs, Wildschwein, Schlange, Stier, Löwe und Enten tauchen besonders häufig auf.

Jeweils in der Mitte der Kreisbauten steht ein gigantisches Pfeilerpaar: 5,50 Meter hoch, 10 Tonnen schwer. Vier davon sind nun bis auf den gewachsenen Fels ausgegraben. Der Hangdruck der Jahrtausende hatte sie selbst in der kompakten Verfüllung in Schieflage gedrückt. Deshalb mussten sie mit Ingenieur-Know-how, massiver Holzverschalung und Wagenhebern aufgerichtet und stabilisiert werden, bevor die Archäologen darangehen konnten, sie bis auf den Grund freizulegen. Einer der Kolosse, „Pfeiler 18“, steckt in einer in den Felsboden gemeißelten Steinpfanne, deren Rand mit einer Entenparade geschmückt ist.

Um 8000 v. Chr. wurde die Kultanlage außer Betrieb gestellt und von ihren Schöpfern sorgsam zugeschüttet, quasi beerdigt. Nur dadurch blieben die einmaligen Zeugnisse steinzeitlicher „Geistigkeit“ überhaupt erhalten. Der jetzt freigelegte Pfeiler 18 erbrachte die reichsten Details: Die Figur ist mit einem Lendenschurz bekleidet, der ein Fuchsfell imitiert. Sein Gürtel ist mit „neolithischen Hieroglyphen“ geschmückt. Die an den Breitseiten reliefartig angedeuteten Arme treffen sich an der Stirnseite und enden in Händen mit ausgearbeiteten Fingern. In der Armbeuge liegt ein Fuchs. Nur das Geschlecht der Figur lässt sich nicht dingfest machen. Die anderen drei komplett freigelegten Pfeiler sind nicht ganz so detailliert ausgeschmückt, aber alle sind so gestaltet, dass an einer Darstellung menschengestaltiger Wesen nicht mehr zu zweifeln ist.

Klaus Schmidt geht inzwischen noch einen großen Schritt weiter: „Möglicherweise treten wir hier den frühesten Götterbildern der Menschheitsgeschichte entgegen.“ Das wäre sensationelle Jahrtausende früher als alles, was man bislang kennt. Die ersten Bildnisse, bei denen sich die Wissenschaftler einig sind, dass sie Götter darstellen, tauchen in Ägypten etwa um 4000 v. Chr. und in Mesopotamien um 2500 v. Chr. auf. Vergleichbare Statuen-Funde, die die Jahrtausende von Anatolien bis an den Euphrat und den Nil überbrücken könnten, gibt es allerdings bislang nicht.

Der jetzt mögliche Blick in diesen Kosmos der ausgehenden Altsteinzeit offenbart eindeutig, dass die Menschen vor 12 000 Jahren nicht nur Bären jagten und Beeren sammelten und von der Hand in den Mund lebten. Es ging ihnen offenbar gut, das günstige Klima des frühen Holozäns deckte ihnen den Tisch. Sie konnten Spezialisten für die Errichtung der ersten Monumentalbauten der Welt freistellen – und zwar zu Dutzenden, wenn nicht gar zu Hunderten. Und sie hatten Muße, ihren Gestaltungswillen auch künstlerisch umzusetzen.

Zum Beispiel an der nun gefundenen, 30 Zentimeter dicken Steinsäule, die sie rundherum mit Steinwerkzeugen bearbeiteten. Durch die Darstellung der Figuren – Mensch und/oder Tier – bekam der Stein einen magischen Nimbus: eine „Familienstandarte“, ein Schamanen-Totem? Die Bedeutung können wir nicht mehr erkennen, „die Steinzeitler aber konnten den Code sicher lesen“, sagt Klaus Schmidt. Das gilt auch für die von ihm so titulierten „neolithischen Hieroglyphen“ – eine Reihe von kleinen Symbolen, die er überall an den Statuenpfeilern fand: Kreise, Sicheln, Scheiben und Miniaturausgaben der Tierdarstellungen, vor allem des gehörnten Stierkopfes.

Durch die Zusammenarbeit mit dem Bonner Ägyptologen Ludwig D. Morenz kann der Berliner Archäologe seine neolithischen Hieroglyphen besser einordnen und gegen Kollegenkritik absichern: Auch die Schrift im Niltal begann mit einem abstrakt anmutenden Notationssystem wie in den anatolischen Bergen. In Ägypten entwickelten sich aus einem solchen symbolischen Bedeutungssystem die Hieroglyphen und später die sprachgestützte Schrift. In Ostanatolien blieb die Entwicklung stecken.

Göbekli Tepe gibt weitere Rätsel auf. Nachdem die Archäologen sich in der letzten Kampagne an zwei Stellen bis auf den gewachsenen Felsuntergrund gegraben haben, wird deutlich, dass der Kern des Hügels noch 15 Meter dick ist. Allzu gern hätte Schmidt einen Riesenschnitt vom Felsen bis in die aufgeschüttete Bergkuppe hinauf. „Da kämen wir mit Sicherheit bis in die Altsteinzeit.“ Weitere Jahrtausende früher.

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