Frühmenschen : Lücken im Lebenslauf

Der Lebenslauf der Menschheit verlief offenbar weniger geradlinig als angenommen. Fossilien aus Afrika zeigen bisher unbekannte Umwege in der Entwicklung vom Affen zum Menschen.

Roland Knauer

Der Lebenslauf der Menschheit ist weniger geradlinig als bisher angenommen. Ein 1,44 Millionen Jahre alter Kieferknochen lässt vermuten, dass die beiden Frühmenschenarten Homo habilis und Homo erectus fast eine halbe Million Jahre Seite an Seite lebten und einen gemeinsamen Vorfahren hatten. Das widerspricht der bisherigen Vorstellung, der Homo erectus habe sich aus dem Homo habilis entwickelt.

Bislang sahen viele Forscher in der Entwicklung vom Affen zum modernen Menschen eine gerade Linie. In ihrer Vorstellung war das so: Vor ungefähr 2,2 Millionen Jahren entwickelte sich im Osten Afrikas der Homo habilis, aus dem vor rund 1,75 Millionen Jahren der Homo ergaster entstand. Aus dem Homo ergaster entwickelte sich dann vor vielleicht 1,5 Millionen Jahren Homo erectus. Dieser direkte Vorfahr des modernen Menschen (Homo sapiens) hantierte bereits eifrig mit Werkzeugen und konnte Feuer machen.

Jetzt hat Team um Fred Spoor vom University College London zusammen mit Meave und Louise Leakey vom Koobi-Fora-Forschungsprojekt in Kenia bei der Analyse von Frühmenschen-Fossilien festgestellt, dass Homo habilis und Homo erectus gleichzeitig gelebt haben müssen. Der eine kann also kaum aus dem anderen hervorgegangen sein.

Die Forscher, die ihre Ergebnisse jetzt im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten (Band 448, Seite 688), untersuchten den Schädel eines Homo erectus und den Oberkiefer eines Homo habilis – beides Fossilien, die im Jahr 2000 in der Nähe des Turkana-Sees im Nordwesten Kenias gefunden wurden. Dabei stellten sie fest, dass der Kieferknochen des Homo habilis 1,44 Millionen Jahre alt ist. Eine Sensation, denn eigentlich sollte diese Frühmenschenart bereits 300.000 Jahre früher von Homo ergaster abgelöst worden sein. Deshalb reagierte Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt am Main auch mit einem erstaunten "Oh!", als er zum erstem Mal vom Alter des Kieferknochens erfuhr. Denn da der in der gleichen Gegend gefundene Schädel von Homo erectus rund 1,55 Millionen Jahre alt ist, war schnell klar: Homo erectus und Homo habilis müssen gleichzeitig dort gelebt haben. "Das aber passt so gar nicht zu der Behauptung, Homo erectus hätte sich über die Zwischenstufe Homo ergaster aus dem Homo habilis entwickelt," erklärt Meave Leakey. Beide Arten müssen sich vielmehr vor zwei bis drei Millionen Jahren entwickelt und anschließend den gleichen Lebensraum geteilt haben, vermutet die Forscherin.

Weiterer "Urahn" des modernen Menschen

Mit dieser Ansicht wirft Leakey die Art Homo habilis aus der Reihe der direkten Vorfahren des modernen Menschen Homo sapiens. Dass an dem geradlinigen Lebenslauf etwas nicht stimmt "vermuteten viele Forscher schon seit einiger Zeit", erklärt der Senckenberg-Forscher Kullmer. Denn es gibt eine weitere Art, die viel eher als "Urahn" des modernen Menschen in Frage kommt als Homo habilis – nämlich Homo rudolfensis. Diese Frühmenschenart hat Meave Leakeys Ehemann Richard 1972 ebenfalls am Turkana-See entdeckt. Und da dieser See in der Kolonialzeit Rudolf-See hieß, bekam die Art den Beinamen "rudolfensis".

Mehr als 20 Jahre später fand Friedemann Schrenk, der mit Ottmar Kullmer am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum arbeitet, in Malawi den Unterkiefer eines weiteren Homo rudolfensis, der mindestens eine halbe Million Jahre älter ist als der Fund von Richard Leakey. Damit ist Homo rudolfensis mit rund 2,5 Millionen Jahren nicht nur die älteste Art der Gattung Homo, zu der auch der Homo sapiens gehört. Homo rudolfensis ähnelt dem modernen Menschen auch viel stärker als Homo habilis: Mit einem Volumen von 750 Millilitern ist sein Gehirn relativ groß, Werkzeuge verwendete er ebenfalls. Friedemann Schrenk und Ottmar Kullmer vermuten daher, genau wie etliche ihrer Fachkollegen, dass Homo rudolfensis ein direkter Vorfahre von Homo ergaster war, der wiederum über Homo erectus direkt zum modernen Menschen führt.

Einen weiteren Umbruch könnte auch der 1,55 Millionen Jahre alte am Turkana-See gefundene Schädel eines Homo erectus bedeuten. In diesen Kopf hat nämlich nur ein 700 Milliliter großes Gehirn gepasst, während Homo erectus normalerweise mit 900 Millilitern und der moderne Mensch mit 1200 bis 1400 Millilitern Grips aufwarten. Weshalb das Gehirn des neuen Homo erectus-Fundes so klein war, weiß niemand genau. Eine Vermutung aber haben die Forscher um Meave und Louise Leakey schon: Es könnte sich um einen weiblichen Homo erectus gehandelt haben. Das wiederum könnte auf einen sogenannten Geschlechtsdimorphismus hindeuten, bei dem die Männchen erheblich größer als die Weibchen sind. Einen so deutlichen Größenunterschied zwischen den Geschlechtern gibt es zum Beispiel bei den heutigen Gorillas. Bei ihnen besteht eine Familie aus einem älteren Männchen und mehreren Weibchen.

Sollte es einen solchen Geschlechtsdimorphismus auch bei Homo erectus gegeben haben, wäre es mit der bisher vermuteten Ähnlichkeit zwischen dieser Art und den modernen Menschen zumindest im Hinblick auf das Familienleben möglicherweise vorbei.

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