Frust und Erfolg : Austauschschüler in Deutschland

Als Austauschschüler in Deutschland: Ein Film dokumentiert Frust und Erfolg von vier Jugendlichen.

Günter Bartsch
Das Jahr zum Erfolg machen. Nairiki, Austauschschülerin aus Pittsburgh, begibt sich selbst auf die Suche nach einer neuen Gastfamilie. Der Film „12 Monate Deutschland“ konfrontiert auch deutsche Schüler, die ins Ausland wollen, mit möglichen Schwierigkeiten. Foto: promo
Das Jahr zum Erfolg machen. Nairiki, Austauschschülerin aus Pittsburgh, begibt sich selbst auf die Suche nach einer neuen...Foto: dpa

Vordergründig geht es in Eva Wolfs Dokumentation um vier Austauschschüler und um Familienleben in Deutschland. Im Kern geht es in „12 Monate Deutschland“ aber um die Chemie: Weil die nicht stimmt zwischen den Beteiligten, wechseln alle vier porträtierten Schüler ihre Gastfamilie. So bleibt beim Zuseher trotz Happy End ein komisches Gefühl zurück: Ist so ein Austausch wirklich eine gute Idee?

Zumindest räumt der Film auf mit allzu romantischen Gefühlen, die wohl mancher Teenager mit einem Auslandsjahr verbindet. Großstädter Kwasi aus Ghana landet im thüringischen Rastenberg mit rund 2700 Einwohnern. Dort ist er „zu Tode gelangweilt“, mit der Gastmutter kommt er nicht zurecht, vergleicht sie gar mit Hitler. Für ihn ist sie der Diktator in der Familie, für die Familie dagegen stellt sie ganz normale Regeln auf. Nachdem es zur Prügelei mit einem der Söhne kommt, muss Kwasi gehen. Er landet bei einer Hippie-Familie in Sachsen, geht mit Gasteltern und -schwester skifahren und zelten – und wird nun als echte Bereicherung erlebt. Kwasi ist nicht mehr nur Gast. Er ist ein Mitglied der Familie.

Eduardo findet keinen Draht zu seiner Gastfamilie und muss gehen

Aber wer glaubt, in der Großstadt liefe es automatisch besser als auf dem Land, der irrt: Eduardo aus Venezuela ist in seiner Hamburger Gastfamilie lethargisch, interessiert sich nicht für die intellektuellen Gespräche über Politik, will nicht mal den „Spiegel“-Artikel über sein Heimatland lesen, wie die Gastmutter mit einiger Empörung in die Kamera erzählt. Es ist eine der Szenen, die ein bisschen an die vielen Dokusoaps im Fernsehen erinnern, bei denen die Beteiligten zwischendurch lästern dürfen. Der Pressetext zum Film umschreibt es etwas blumiger: von der Kamera als „vertrautem, heimlichem Freund“ ist da die Rede.

Wichtiger als die Kamera, die ja doch nicht hilft, sind die ehrenamtlichen Koordinatoren der Austauschorganisation AFS. Sie sind Ansprechpartner in schwierigen Situationen, führen auch klärende Gespräche. Es muss nicht gleich zum Familienwechsel kommen, sagt AFS-Sprecherin Sonja Wickel. Wenn alles nichts hilft, sollte man vor einem Wechsel aber auch nicht zurückschrecken. Immerhin 30 Prozent der AFS-Teilnehmer wechseln die Familie.

Eddy kommt jedenfalls nur langsam mit der deutschen Sprache voran: „Er bleibt immer Gast“, bedauert die Mutter nach einem halben Jahr. Schließlich beschließt die Familie, dass er gehen soll. Der Junge ist sauer. Er hatte sich arrangiert, bequem eingerichtet. Konnte via Internet mühelos Kontakt halten mit Familie und Freunden in der Heimat.

Der Internetkonsum im Austauschjahr ist ein zweischneidiges Schwert

Die modernen Kommunikationsmöglichkeiten sind aus Sicht der AFS ein zweischneidiges Schwert. Die Austauschschüler von heute müssen nicht mehr sehnsüchtig auf blaue Luftpostbriefe aus der Heimat warten, sondern können sich täglich zum Skypen verabreden. „Das kann helfen, Heimweh zu mildern“, sagt Sonja Wickel. Trotzdem rät AFS dazu, den Internetkonsum in den ersten Monaten zurückzuschrauben, um neue Leute kennenzulernen, anstatt sich in Facebook & Co. zurückzuziehen.

Was bei Eduardo erst wie ein Rauswurf wirkt, ist schließlich ein Segen für den Austauschschüler: In seiner neuen Familie blüht Eduardo auf.

So geht es auch der US-Amerikanerin Nairika aus Pittsburgh, der in Berlin-Neukölln bei der alleinerziehenden Mutter mit dem 18-jährigen Sohn das Familienleben fehlt. Ihr Wunsch, dass Berlin ihr „zweites Zuhause“ wird, scheint zu platzen. Doch dann ergreift sie selbst die Initiative. Mit Flugblättern, die sie in der Schule verteilt, sucht sie nach einer neuen Familie. Die findet sie in Berlin-Zehlendorf. In ihrem Zimmer ist sie fortan nur noch zum Schlafen, wie der Gastvater nach der Abreise etwas erschöpft berichtet. Sie sucht die Nähe zur Familie und bevölkert mit ihren neu gewonnenen Freundinnen Küche und Garten.

Und schließlich Constanza aus Chile.

Ihr Schicksal ist eine Familie im 200-Einwohner-Dorf Tornau bei Stendal in Sachsen-Anhalt. Ihre Lage verursacht ein beklemmendes Gefühl. Constanzas Deutsch ist noch in den Anfängen, und die Familie spricht kein Englisch. Ob sie die Gasteltern mit „Papa“ und „Mama“ oder mit den Vornamen ansprechen soll, will Constanza wissen. „Egal“, bekommt sie als Antwort – und versteht nicht. Am Anfang blättert die Gastmutter noch hektisch im Wörterbuch. Doch irgendwann sieht man Constanza nur noch allein am Tisch sitzen, während Gastvater und -bruder am Computer spielen. Bei ihren zweiten Gasteltern, obwohl schon im Rentenalter und nur als Übergangslösung gedacht, funktioniert es: Conty spricht wieder, und zwar Deutsch. Sie hat aber auch gemerkt, dass ein Austausch harte Arbeit ist: „Du musst die Menschen kennenlernen.“ Mit der Gastfamilie zu sprechen, das sei manchmal anstrengend. „Aber mit der Zeit merkst du, dass du die Freundschaft deiner Familie gewinnen kannst.“

Nach dem Austauschjahr resümieren alle vier: Es hat sich gelohnt.

Am Schluss sagen die vier Austauschschüler: Es hat sich gelohnt. Ein Stück erwachsener seien sie geworden. Nairika hat ihre Gastfamilie lieb, und Kwasi liebt gar das ganze Land: „Punks, Hippies, normale Leute, Hip-Hopper – nur die Nazis nicht.“ Die erste Jahreshälfte scheint vergessen. Manche Schüler verabschieden sich am Bahnhof sogar noch versöhnlich von ihren ersten Gastfamilien.

Das positive Ende deckt sich auch mit den AFS-Umfragezahlen. Danach sind um die 90 Prozent der Teilnehmer zufrieden mit ihrem AFS-Austausch. Das gilt übrigens nicht für alle Austauschorganisationen. Hier gibt es auch schwarze Schafe. Bei AFS hingegen legt man Wert auf intensive Vorbereitung. Trotzdem kommt es wegen falscher Erwartungen zu Problemen, wie bei den Schülern und ihren Gasteltern im Film. Wenn die Chemie partout nicht stimmt, sollte man nicht ein halbes Jahr warten, bis man die Reißleine zieht, lautet eine Lehre.

Der Film kann austauschinteressierten Schülern und Familien helfen, mit Realismus an die Herausforderung eines Schüleraustauschs zu gehen und sich nicht zu schnell frustrieren zu lassen. Denn sogar bei der Tornauer Familie hat es noch geklappt, wie der Film zum Schluss zeigt: Mit ihrem zweiten Gastschüler versteht sie sich bestens.

Im Kino Moviemento in Berlin-Kreuzberg läuft der Film ab dem morgigen Donnerstag, 23. September. Für die Premiere um 19.30 Uhr im Beisein der Regisseurin und der Gasteltern sind noch Karten erhältlich. Schulklassen können auch Sondervorführungen vereinbaren (Telefon 409 823 63). Am kommenden Freitag um 18 Uhr gibt es eine Vorstellung, bei der Silvia Schill, Autorin des Buches „Ein Schuljahr in den USA“ spricht. Eine Schulaufführung mit einem Vortrag der Regisseurin findet am 7. Oktober um 10 Uhr statt (www.moviemento.de).

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