FU Berlin : Boxen für den Kopf

Die „Hochschullehrerin des Jahres“ ist die FU-Professorin Heather Cameron. Sie will Mädchen und junge Frauen aus sozial benachteiligten Familien stärken - mithilfe des Boxsports.

Friederike Schröter
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Harte Fäuste, gute Mädchen. Sozial benachteiligte Jugendliche lernen im Training mit den „Boxgirls“ Selbstbewusstsein und...David Heerde

Eine Juniorprofessur innezuhaben ist mit zahlreichen Verpflichtungen verbunden und an sich schon eine ausfüllende Aufgabe. Lehrverpflichtungen nachzukommen, selbständig Forschungen anzuleiten, Drittmittel einzuwerben und darüber hinaus noch ausreichend zu publizieren, ist die Voraussetzung, um am Ende eine volle Professur zu erlangen.

Heather Cameron ist Juniorprofessorin, doch dieser Job stellt nur einen Teil ihres Berufslebens dar. „Ich schlafe nicht“, antwortet die gut gelaunte Wissenschaftlerin auf die Frage, wie sie denn das alles schaffe. Im Jahr 2008 ist die Kanadierin Heather Cameron an den Lehrstuhl für Integrationspädagogik an der Freien Universität Berlin berufen worden. Nun wurde sie nach bereits einem Jahr vom Deutschen Hochschulverband (DHV) mit der Auszeichnung „Hochschullehrerin des Jahres“ geehrt.

„Ich war sehr überrascht“, sagt Cameron. „Ich dachte, so eine Auszeichnung bekommt man irgendwann am Ende seiner Laufbahn. Aber ich freue mich natürlich sehr, das ist wunderbar für unsere Projekte!“

Ihre Projekte: Das ist der andere Teil des Lebens der Hochschullehrerin Heather Cameron und einer der Gründe für den DHV, gerade ihr den Preis zu verleihen. „Gewürdigt wird eine Persönlichkeit, bei der berufliches und außerberufliches Engagement Hand in Hand gehen.“ So heißt es beim DHV und besser kann man die Arbeit von Heather Cameron nicht beschreiben.

Cameron hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen und junge Frauen, besonders aus sozial benachteiligten Familien, zu stärken und zu integrieren, und zwar mithilfe eines besonderen Sports: dem Boxen. Cameron selbst ist Boxerin. Sie lernte den Sport kennen und lieben, als sie 26 Jahre alt war und gerade in Toronto eine Doktorarbeit über Freud und Foucault schrieb. Ihre Eltern sind Kanadier, geboren ist sie aber in Großbritannien, so dass sie beide Staatsbürgerschaften besitzt. Studiert hat sie „Social und Political Thought“, Cameron beschreibt es als einen Mix aus Sozialwissenschaften, Philosophie und Politik.

Eine Freundin hatte sie damals in einen Boxclub mitgenommen. „Eine, die auch ein bisschen verrückt ist“, sagt Cameron lachend. Und ihr habe es auf Anhieb dort gefallen. Der Boxsport sei dem akademischen Habitus völlig entgegengesetzt, beanspruche aber trotzdem in einer umfassenden Weise den Kopf, so Cameron. Besonders überrascht habe sie, was für ein breites Spektrum an Personen diesen Sport betreibt. Ein ganzes Netzwerk an interessanten Leuten habe sich da aufgetan.

Die 40-Jährige sitzt in einem Café gegenüber der Trainingshalle der „Boxgirls“ in Berlin Kreuzberg. Gerade noch hat sie ein Blockseminar an der FU gegeben, in einer Stunde wird sie Mädchen und junge Frauen im Boxen trainieren. Und diese beiden Dinge sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man zunächst vermutet.

„Ich habe mir immer die Frage gestellt: Wie schafft man kritische Denker? Es geht doch darum, seine Meinung äußern und gut argumentieren zu können“, sagt Cameron. Das wiederum habe sehr viel mit dem Boxen zu tun: „Beim Boxen muss man lernen, mit seinen Grenzen umzugehen. Es geht nicht nur um körperliche Fitness, sondern auch um mentale Stärke. Man muss sich selbst vertrauen und taktisch handeln. Durch Boxen wird man selbständiger, selbstbewusster und entwickelt Führungsqualitäten.“ Junge Frauen darin zu fördern sei heute immer noch sehr wichtig, gerade in einem Kiez wie Kreuzberg.

Da war zum Beispiel dieses dünne, aggressive Mädchen, das zu ihnen in den Club kam: „Sehr selbstfixiert und eine richtige Straßenkämpferin.“ Durch das Boxen habe sie gelernt, anders mit sich und anderen Menschen umzugehen, sie konnte auf einmal Begeisterung für eine Sache entwickeln und Fürsorglichkeit für andere aufbringen. Schließlich absolvierte sie eine Ausbildung.

Nach Deutschland kam Heather Cameron 1997. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Austauschaufenthalt werden, doch Cameron ging nicht mehr zurück in ihr Heimatland. Wie in jeder Stadt, die Cameron heute bereist, machte sie sich auch in Berlin sogleich auf die Suche nach den Möglichkeiten, Boxsport zu betreiben. Doch sie wurde enttäuscht. Die Alternativen waren nicht sehr zahlreich und wenig reizvoll. Reine Frauenclubs gab es schon gar nicht. Über eine Boxkneipe am Savignyplatz schließlich lernte sie ihren Trainer kennen. 1998 gewinnt sie die Berliner Meisterschaften. Nach dem Wunsch ihrer Mutter hätte sie danach mit dem Boxen aufhören sollen: „Meine Mutter hasst Boxen!“, lacht Cameron. Doch für sie fängt es jetzt erst richtig an. Sie begeistert andere Leute für das Boxen und beginnt selbst zu unterrichten. Das erste Training gibt sie ihren Mitbewohnern im Studentenwohnheim am Theodor-Heuss-Platz, das sie vier Jahre lang bewohnt. 2001 beginnt sie gemeinsam mit einem Kreuzberger Sportverein, Frauenboxen anzubieten. Von 2004 an wird eine Halle am Marheinekeplatz in Berlin Kreuzberg zur Übungsstätte für die damals rund 35 Teilnehmerinnen und ihre ehrenamtlichen Trainerinnen. Cameron ruft das Mädchen- und Frauen-Boxprojekt „Boxgirls“ ins Leben. Nebenbei beendet sie ihre Doktorarbeit, erhält ein Post-Doc-Stipendium und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin. Der Club wird ein Erfolg, fast jährlich erhält das Projekt Preise – vom Bezirksamt bis zur UNO.

Doch auch in der Wissenschaft bleibt Heather Cameron aktiv. Sie wird Gastprofessorin in Kanada, leitet Projekte an der TU Berlin. 2008 schließlich wird sie zur Juniorprofessorin an die FU berufen.

Lehre, Forschung und soziales Engagement bilden bei Heather Cameron stets eine Einheit: Die Studierenden können sich beim Aufbau sozialer Projekt engagieren und sich dabei aktiv im Qualitätsmanagement üben. „In Seminaren entwickeln wir zum Beispiel Lernkonzepte für unser Schulprojekt ,Sicher im Kiez‘. Ich denke, man lernt am besten, wenn man konkrete Aufgaben hat“, sagt Cameron. Selbst untersucht sie in ihren Forschungen verschiedene Formen von gesellschaftlicher Transformation und beschäftigt sich mit der Lösung sozialer Probleme. Ihr Vorteil sei, dass sie theoretische Konzepte immer sofort auf ihre praktische Tätigkeit anwenden könne, sagt Cameron. So untersucht sie die strategische Arbeit der „Boxgirls International“ und entwickelt Konzepte, um ihre eigenen Projekte zu evaluieren und zu verbessern.

In Kreuzberg trainieren heute rund 100 Mädchen und junge Frauen, Heather Cameron selbst gibt zweimal in der Woche Training. Nebenbei entwickelt sie zahlreiche Projekte, zum Beispiel das aktuelle Projekt „Sicher im Kiez“ in Zusammenarbeit mit der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin. Neuerdings bieten die „Boxgirls“ auch Schnuppernachmittage für Firmenausflüge an.

Doch die soziale Arbeit ist das vornehmliche Interesse von Heather Cameron. „Der Staat hat meine Ausbildung finanziert und jetzt möchte ich etwas für die Gesellschaft tun“, sagt sie. Als Hochschullehrerin könne sie außerdem in die große internationale Diskussion eingreifen. 2007 wagte sie den Schritt in Gegenden, in welchen selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe junger Frauen noch sehr viel förderungsbedürftiger ist: Cameron unterstützte die Gründung eines Boxgirls-Clubs in Nairobi. Heute agiert der Club bereits selbständig und ist Teil von Camerons „Boxgirls International“. In diesem Jahr folgte eine weitere Neueröffnung in Kapstadt. Und die Studenten werden dabei nicht vergessen: Geplant sind gemeinsame Projekte mit der Partneruniversität der FU, der University of Western Cape in Südafrika.

Heather Cameron trinkt ihre Apfelschorle aus und geht über die schneebedeckte Straße zur Trainingshalle. Sie blickt vor sich auf den Boden, in Gedanken versunken und wirkt plötzlich ein wenig müde. Neben dem Boxring in der Halle wärmen sich die ersten Mädchen beim Seilspringen auf. Cameron begrüßt jede einzelne von ihnen, jetzt wieder mit einem strahlenden Lächeln.

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