FU im Wahlkampf : Uni und Unitopia

Am Mittwoch wählt der Erweiterte Akademische Senat der Freien Universität in Berlin-Dahlem seinen Präsidenten. Einziger Kandidat ist Peter-André Alt. Professoren loben ihn. Die Studierendenvertreter verstehen das nicht.

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„Man muss zuhören.“ Der Germanist Peter-André Alt versteht sich als Moderator. Studierende halten ihn für einen Diktator.
„Man muss zuhören.“ Der Germanist Peter-André Alt versteht sich als Moderator. Studierende halten ihn für einen Diktator.Foto: Thilo Rückeis

Wer den Präsidenten der Freien Universität in seinem Amtszimmer besucht, liest auf dem Flipchart neben dem Konferenztisch immer auch dessen aktuelles Monatsmotto. Vor elf Jahren hat Dieter Lenzen diese Losungen eingeführt: „Speed geht vor 100-Prozent-Lösungen“, hat er damals geschrieben. Und auch: „Wenn man lange genug am Fluss sitzt, kann man eines Tages die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen sehen.“ Enthüllen FU-Präsidenten mit ihren Losungen womöglich die Leitlinien für ihre Amtszeit, lange bevor die Unimitglieder deren Auswirkungen in ihrem Alltag wahrnehmen?

„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, lautete nicht weniger kernig das erste Motto, das Lenzens Nachfolger Peter-André Alt vor vier Jahren ans Flipchart schrieb. Allerdings handelte es sich um eine Anspielung auf einen satirischen Film von Alexander Kluge aus dem Jahr 1974. In Wirklichkeit hat Alt als FU-Präsident häufiger als sein Vorgänger den Mittelweg gewählt, gerade in turbulenten Umständen: „An einer Universität kann man nichts durchpeitschen. Man muss zuhören und moderieren. Sonst verliert man die Unterstützung“, sagt er.

Dass der 53-jährige Germanist genug Unterstützer hat, um am 30. April wiedergewählt zu werden, gilt als sicher. Es gibt keinen Herausforderer. Aber auf einem breiten Fundament kann Alt in den nächsten vier Jahren besser stehen. Das Wahlgremium ist der Erweiterte Akademische Senat mit 61 Sitzen. Die Professoren haben die Mehrheit mit 31 Sitzen. Doch die sechs Hochschullehrer der noch jungen Liste „Exzellenz und Transparenz“ sehen sich in der Opposition.

Die meisten Professoren sind mit ihrem Präsidenten zufrieden

Zu den Anhängern dieser Liste gehören Juniorprofessoren, die sich sichere Karrierewege an der FU wünschen, aber auch Wissenschaftler, die ihr Fachgebiet vom Präsidium und den anderen Listen nicht ausreichend vertreten sehen. Ihr Sprecher ist der Informatikprofessor Raúl Rojas. Er ist verärgert, weil er nicht als Vizepräsident in die Leitung eingebunden werden soll, wie es bei den anderen beiden etablierten Professorenlisten, der „Liberalen Aktion“ und dem „Dienstagskreis“, üblich ist. Aus der Koalition wirft man Rojas aber vor, kein Teamplayer zu sein.

Die zehn Studierendenvertreter werden Alt wohl kaum wählen. So hängt manches von den 20 wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Mitarbeitern ab, in deren Reihen die Listen von Verdi und der GEW dominieren. Vor vier Jahren bekam Alt 37 von 56 Stimmen. Brenzliger könnte es für Monika Schäfer-Korting werden, sagen Insider. Die Pharmakologin will am Mittwoch wieder zur Ersten Vizepräsidentin gewählt werden.

Bei allen Widrigkeiten, die den Finanzen und der Politik geschuldet sind, gedeiht die FU doch ziemlich gut, so sehen das viele Professoren. Schon die Entwicklung des Campus’ führt es ihnen ja vor Augen. Hinter der Rostlaube ist in kurzer Zeit die „Holzlaube“ für die 17 „kleinen Fächer“ und die naturwissenschaftliche Bibliothek aus dem Boden gewachsen. Dem neuen Chemiegebäude steht nichts mehr im Wege, ein Gründerzentrum ist in Sicht. Als Nächstes könnte die Heimstätte des Ethnologischen Museums in Dahlem für die Freie Universität gekapert werden. Alt will dort, wenn das Museum ins Humboldtforum umgezogen ist, ein Science Lab für Wissenschaftler und Besucher einrichten. Am liebsten würde er das von der Bundesregierung am Spreeufer geplante „Haus der Zukunft“ zur FU locken.

Die FU hat ihren Sieg als Exzellenzuni verteidigt

Überall sind fremde Sprachen auf dem Campus zu hören – FU-Mitgliedern verschafft das das gute Gefühl, zu einer international attraktiven Uni zu gehören. Auch über die Studierenden mit deutschem Abitur, die mit dem Numerus clausus ausgesiebt werden, freuen sich die Hochschullehrer: „Wir sind verwöhnt“, sagt eine Professorin.

Und vor allem: Das Wunder, das unter Dieter Lenzen im Jahr 2007 geschah, ist noch immer wahr. Die FU hat ihren Sieg als „Exzellenzuni“ vor zwei Jahren verteidigt, sie ist eine von nur elf „Exzellenzunis“ bundesweit. Diejenigen Freunde der FU, die wissen, was eine Niederlage zur Folge gehabt hätte – nämlich den Niedergang der FU als Sparbüchse des Berliner Senats –, fühlen sich erlöst. „Für die FU hätte es auch anders laufen können“, sagt Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte, und erinnert an die Fusionsdebatten und an die dramatischen Sparrunden nach der Wiedervereinigung. Da der damalige Senat die Humboldt-Uni zur Eliteuni ausbauen wollte, wäre von der FU nicht mehr als „ein Branch-Campus der HU“ geblieben, wie Nolte formuliert.

Alt, der auf seine Kollegen manchmal merkwürdig geistig entrückt wirkt, wenn er bei akademischen Veranstaltungen sinnierend an ihnen vorbeischwebt, war im Exzellenzwettbewerb zur rechten Zeit präsent: mit dem richtigen Antrag und – wie damals zu hören war – mit einer wirkungsvollen Präsentation vor den Gutachtern. Dass die FU ihr Cluster „Languages of Emotion“ verlor – geschenkt, heißt es mit Blick auf den scharfen Wettbewerb.

Die einen wünschen sich Entscheidungsfreude, die anderen kritisieren die "Präsidialdiktatur"

Die finanziellen Perspektiven der FU sind allerdings unsicher. Die Mittel des Landes sind knapp, vielleicht bald zu knapp. Und noch Monate nach dem Regierungswechsel im Bund ist offen, was von Bund und Ländern zu erwarten ist, wenn in wenigen Jahren die Exzellenzinitiative und der Hochschulpakt für neue Studienplätze auslaufen. Alt liegt mit der FU auf der Lauer. Sollte es in einem neuen Wettbewerb wieder etwas zu gewinnen geben, soll die FU sich noch einmal einen Brocken sichern.

Die FU soll sich bloß nicht unterbuttern lassen, lautet bei vielen die Devise. Darum braucht sie auch im Innern einen entscheidungsfreudigen Präsidenten, sagt ein Dekan. Mit seinem kollegialen Auftreten hebe Alt sich angenehm von seinem Vorgänger ab. Aber ein Schuss mehr Lenzen würde ihm doch manchmal guttun. Zumal Peter Lange, der langjährige Kanzler der FU, seinerseits an Strippen ziehe und gelegentlich durchblicken lasse, dass er die Faktenlage besser als der Präsident kennt.

Der Präsident sollte mehr durchgreifen? Für den Studierendenvertreter Mathias Bartelt ist Alt wie dessen Vorgänger ein knallharter Agent einer neoliberalen Machtmaschine, der die vor 66 Jahren als „Freie“ Universität gegründete FU seiner „Präsidialdiktatur“ unterwirft. Als äußere Zeichen dafür verweisen die Studierendenvertreter etwa auf Polizeieinsätze auf dem Campus oder auf die Tätlichkeiten von Wachleuten gegen Studierende, die vor einem Jahr den Beschluss der neuen „Rahmenstudien- und -prüfungsordnung (RSPO)“ verhindern wollten.

Alt setzte auf einen Kompromiss - doch die Studierenden fühlten sich als Verlierer

Den Streit um die RSPO beschreibt Alt als „das konfliktträchtigste Ereignis“ seiner Amtszeit. Monatelang kamen Hunderte zu Vollversammlungen, weil sie Angst vor Anwesenheitspflichten, einer reduzierten Zahl erlaubter Prüfungswiederholungen oder Zwangsexmatrikulationen hatten. Mehrfach störten Aktivisten Sitzungen des Akademischen Senats. „Teilweise hart“ seien Studierende mit dem Präsidenten umgegangen, sagt Matthias Dannenberg, der Verwaltungsleiter des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften. „Dabei ist Alt in seiner pragmatischen, zuverlässigen und gelassenen Art einfach vorbildlich.“

Freie Universität Berlin
Wohin, FU? Bloß nicht unterbuttern lassen, lautet bei vielen die Devise. Frühere Existenzängste sind noch nicht vergessen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Alt behielt die Nerven und warb für einen Kompromiss, der schließlich im Akademischen Senat eine komfortable Mehrheit fand. Die Studierenden stimmten jedoch dagegen und fühlen sich als Verlierer. Ihnen geht es ums große Ganze. „U(ni)topia realisieren, frei studieren, return of the Langzeitstudis!“, steht auf einem Plakat, das an einem Baum am U-Bahnhof Dahlem-Dorf nach den Stupa-Wahlen im Januar hängen geblieben ist. Es zeigt einen bärtigen Studenten mit nacktem Oberkörper, der sich provokant mit seinem Laptop in der Hängematte räkelt.

Der Student Philipp Bahrt findet das Thema aber keineswegs witzig. Ständig gebe es an der FU ohne Rechtsgrundlage Zwangsexmatrikulationen, sagt der Asta-Referent für Kommunikation und Antirepression. Auch das Recht auf ein Studium in Teilzeit werde einfach nicht umgesetzt. Nun sollten auch noch die 1500 Studierenden aus den alten Diplom- und Magisterstudiengängen rausgeworfen werden. An der FU gebe es rechtsfreie Räume: „Die Schwäche der Studierenden wird ausgenutzt.“

Ist das uniinterne Qualitätsmanagement professionell genug?

Als weiteren Schritt zur „Unternehmerisierung“ (Bartelt) der FU betrachten die Studierendenvertreter die Systemakkreditierung. Die FU-Leitung will einer Akkreditierungsagentur beweisen, dass das uniinterne Qualitätsmanagement professionell läuft. Das würde der FU erlauben, ihre über 150 Studiengänge selbst mit dem Siegel „akkreditiert“ zu versehen anstatt jeden einzelnen von einer Agentur für viel Geld testen zu lassen. Die Studierenden befürchten aber, dass die neuen Vorschriften die Demokratie an der FU nur noch weiter aushebeln werden, ohne dass die Qualität der Studiengänge damit ernsthaft überprüft wird.

Auch unter den Professoren gibt es Skeptiker. Die Sinologin Mechthild Leutner sieht die FU vor bürokratischen „Regelschleifen“ und neuem Aufwand, während das Grundproblem – die Professoren haben zu wenig Zeit für ihre Studierenden – bestehen bleibt. Der Historiker Nolte ist ebenfalls kein Fan des deutschen Akkreditierungssystems. Aber er sagt: „Wir sollten uns nicht verkämpfen. Ich habe keine Angst vorm Wandel, die Veränderungen sind doch längst über uns.“ Die FU hinkt allerdings weit hinter ihrem Zeitplan her, wofür Kommunikationsprobleme mit der Agentur verantwortlich gemacht werden. Nolte sieht in der Verzögerung aber sogar einen Vorteil: Die Dinge entspannen sich von selbst.

Wie weiter mit der FU? Alt will die Kontakte mit den außeruniversitären Nachbarn intensivieren, die Leibniz-Gemeinschaft auf den Campus holen, zusätzliches Geld aus der EU einwerben – das und mehr wird er den Wählern am Mittwoch erklären. Ein neues Motto für sein Flipchart hat er sich auch schon überlegt: „Erfahrene Propheten warten die Entwicklungen ab“, wie Horace Walpole, der Erfinder der Gothic Novel, einst formulierte – natürlich in ironischer Absicht.

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