FU-Jubiläum : Student Nummer Eins

1948 gründete Stanislaw Kubicki die Freie Universität mit, sicherte sich die Matrikelnummer Eins. Noch immer ist er der Uni verbunden. Heute wird er 85.

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85 und der FU treu verbunden: Stanislaw Kubicki.
85 und der FU treu verbunden: Stanislaw Kubicki.Foto: Bernd Wannenmacher

Er trägt die Matrikelnummer Eins der Freien Universität: Stanislaw Karol Kubicki. Er war also der erste Student, der sich 1948 an der FU einschrieb. Dass der damals 22-Jährige die Matrikelnummer Eins bekam, verdankte er seinem Losglück. Kubicki gewann gegen seinen Mitbewerber Helmut Coper bei einem Münzwurf. Beide gehörten dem Gründungs-Asta der FU an, Coper, Matrikelnummer zwei, ist als erster Asta-Vorsitzender in die Geschichte der FU eingegangen. Am heutigen Dienstag feiert Kubicki seinen 85. Geburtstag.

Kubicki und Coper waren Medizinstudenten – ebenso wie andere Gründerstudenten der FU. Warum spielten Medizinstudenten bei der Gründung eine herausragende Rolle? Weil sie sich, anders als die in vielen Hörsälen verteilten Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften, so gut wie an jedem Tag in der Woche in einem Hörsaal trafen und besprechen konnten, warum sie gegen das Hissen der roten Fahne über dem Hauptgebäude der Universität Unter den Linden aufbegehrten. Sie wandten sich gegen die übertriebene Bevorzugung von Arbeiter- und Bauernkindern bei der Immatrikulation und gegen die Pflichtvorlesungen in Marxismus-Leninismus, die auch der damals noch regimetreue Physiker Robert Havemann hielt.

Den aufbegehrenden Medizinstudenten war aus ihrer Biographie heraus eine tiefe Abneigung gegen jeden Totalitarismus – Nationalsozialismus wie Kommunismus – gemeinsam. Kubicki war 1946 in russischer Gefangenschaft. Sein Vater, der mit dem Anarchisten Erich Mühsam befreundet war und der sich nach der Besetzung Polens der polnischen Heimatarmee angeschlossen hatte, wurde von der Gestapo umgebracht. Die Mutter hatte sich nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom Kommunismus abgewandt. Helmut Coper, der im vergangenen Jahr 85 wurde, war von den Nazis nach den Kategorien der Nürnberger Rassegesetze als „Halbjude“ zur Zwangsarbeit bei der Organisation Todt bestimmt worden, in der das Arbeiten zum Tode keine Ausnahme bildete.

Kubicki als Student.
Kubicki als Student.Foto: Originalphoto: Hochschularchiv F

Eine neue Universität braucht Professoren. Aber ohne die rebellierenden Studenten und die Hilfe der USA wäre die Freie Universität nicht gegründet worden, wie Kubicki immer wieder betont hat. Die Studenten verhandelten mit den Amerikanern, gewannen die Unterstützung von Berliner Politikern – darunter Ernst Reuter. Das Wagnis gelang. Mitten im Blockadewinter 1948 wurde die Freie Universität gegründet. Die westdeutsche Rektorenkonferenz blieb der Gründungsfeier mit dem Argument fern, die Gefahr bestehe, dass die Gründung in den Westsektoren die Universität Unter den Linden zur reinen Ost-Hochschule machen werde. Dadurch entstehe ein nicht wiedergutzumachender Schaden.

Die konservativen Unigremien in Westdeutschland wurden noch stärker schockiert. Denn die Studenten der FU erreichten in Verhandlungen mit den Politikern und den Professoren, dass erstmals Studierende in den Gremien der Ordinarienuniversität mitbestimmen durften. Kubicki wurde Zulassungsreferent und hatte über die Aufnahmebedingungen für die raren Studienplätze mitzuentscheiden.

Natürlich ließ sich der Gründergeist nicht konservieren. Schon 1954 bestimmten die so genannten „grauen Mäuse“, wie Kubicki sie heute noch nennt, den Geist. Ihr Interesse galt der Berufsausbildung und nicht mehr dem politischen Engagement. Erst mit der Studentenrevolte von 1968 kehrte ein neuer politischer Geist in die Universität ein: der des Marxismus. Die Uni sollte zum Rekrutierungsfeld für Aktivisten und zum Ausgangspunkt für gesellschaftliche Veränderungen werden.

Kubicki arbeitete inzwischen als Neurologe, 1969 wurde er Professor an der FU. Er sah in der Linksausrichtung der Studentenrevolte eine Gefahr – und engagierte sich in der „Notgemeinschaft“, einer Vereinigung konservativer Professoren. Die Gruppe warnte, die FU könnte „unter Hammer und Sichel" geraten.

Seine ganze Karriere lang, bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991, blieb Kubicki an der FU – wie Coper übrigens auch. Seit der Wiedervereinigung prägt ein Geist der Versöhnung die Universität. Unter aktiver Mitwirkung von Kubicki verteidigen ehemalige Notgemeinschaftler und einstige Angehörige des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes gemeinsam die FU gegen Spareinschnitte und die Gefahr einer Bevorzugung der Humboldt-Universität. Nachdem die FU zu den neun im Elitewettbewerb ausgezeichneten Universitäten gehört, zeigt sich Kubicki zu seinem 85. Geburtstag zufrieden: „In der DDR wurde die Humboldtsche Universitätsidee verraten. Die FU hat Humboldts Konzeption weitergetragen. Heute sind die Freie Universität und die Humboldt-Universität zwei Blätter an einem Zweig." Uwe Schlicht

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