FU-Präsident Peter-André Alt : "Der Senator hat Interesse an unserem Erfolg"

Der neue Präsident Peter-André Alt über den Bachelor, den Exzellenzwettbewerb – und seine Forderungen an die Regierung.

Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Herr Alt, Sie kennen die Freie Universität seit 30 Jahren von innen. Wie unterscheidet sich die Uni heute von der, die Sie früher erlebt haben?

Die Freie Universität Berlin bot damals ein Bild großer politischer Zerrissenheit und ideologischer Grabenkämpfe. Zahlreiche Professoren hatten sich in eine Art innere Emigration zurückgezogen, lehrten an zwei Tagen der Woche und waren ansonsten unsichtbar. Man hatte den Eindruck, dass niemanden die Universität wirklich interessierte – und das, obwohl sie vorzügliche Forschungsleistungen aufwies und in Eberhard Lämmert einen international renommierten Präsidenten hatte. Heute streiten wir über Richtungsentscheidungen und Konzepte, weil uns unsere Hochschule am Herzen liegt. Die Mitglieder unserer Universität fragen sich, was sie für die Institution tun können. Das ist ein neuer Geist, den ich früher nicht wahrgenommen habe.

Ende der siebziger Jahre haben Sie begonnen, an der FU Germanistik zu studieren. Ist das Germanistik-Studium an der FU mit Bachelor und Master heute besser oder schlechter als früher?

Es ist besser, weil es klarere Strukturen aufweist, grundständige philologische Kompetenzen vermittelt und damit auch eine Vorstellung von dem sichtbar macht, was ein Studierender des Fachs kennen und können sollte. Verloren gegangen ist allerdings die Vielfalt des damaligen Angebots – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Germanistik 1980 32 Professuren hatte, heute aber nur elf.

Zeitungen sehen die Germanistik seit langem in der Krise. Gerade befürchtete die „Zeit“, das Fach könnte seinen philologischen Kern opfern. Um sich bei den Studierenden und der Gesellschaft anzubiedern, orientiere es sich an modischen Trends. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Die Germanistik hatte immer eine Affinität zu Moden und Aktuellem. Sie ist daran nicht zugrunde gegangen, weil es neben der Oberflächlichkeit zahlreicher Anpassungsversuche einen harten philologischen Kern gab, der nicht verloren ging. Manchmal wünschte ich daher, dass mein Fach mehr Selbstbewusstsein zeigte und sich als das öffentlich präsentierte, was es eigentlich ist: eine Grundlagendisziplin, die Menschen eine fundamentale Fähigkeit vermittelt, die im 21. Jahrhundert zusehends verloren geht – das Vermögen, komplexe Texte zu verstehen.

Sie haben dafür plädiert, das Bachelorstudium (etwa in den Geisteswissenschaften) von sechs auf acht Semester auszuweiten. Wie viele Studiengänge der FU sollen in Ihrer Amtszeit verlängert werden?

Das hängt zunächst von den Wünschen der Fächer und der Gesamtabstimmung mit den Berliner Universitäten ab. Reformen dürfen nicht im Alleingang erfolgen, sondern bedürfen der Synchronisierung.

Die FU soll jetzt mehr auf Lehrprofessuren setzen. Wird es bei den Hochschullehrern bald eine Zweiklassengesellschaft geben?

Wir müssen Lösungen für die doppelten Abiturjahrgänge bis 2017 finden. Zu diesem Zweck habe ich vorgeschlagen, neben befristeten Stiftungsprofessuren, vorgezogenen Neuberufungen und Seniorprofessuren – für international renommierte Emeriti, die nach Berlin kommen möchten – auch eine begrenzte Zahl von 15 bis 20 Lehrprofessuren zu schaffen, deren Lehrdeputat vorübergehend auf 12 Semesterwochenstunden angehoben wird. Das bedeutet noch keine Abkoppelung von der Forschung.

Sie haben vorgeschlagen, Lehrveranstaltungen ins Ausland zu verkaufen. Wie könnte das funktionieren?

Eine internationale Spitzenuniversität wie die FU muss im Bereich digitaler Lehrplattformen Angebote machen. Es laufen ja schon digitale Masterprogramme, zum Beispiel in der Politikwissenschaft. Unsere Interessenten sind osteuropäische und asiatische Universitäten. Die Zahlungen unserer Partner werden in technische Unterstützung und die Arbeit unserer Außenbüros von Delhi bis New York fließen.

Im Exzellenzwettbewerb werden diesmal Konzepte für die Lehre erwartet. Haben Sie bereits eine Idee, von der auch die breite Masse der Bachelor-Studierenden profitieren würde?

Wir werden unsere laufenden Großprojekte – Forschungscluster – intern stärker mit der Lehre verknüpfen, auch durch innovative Unterrichtskonzepte, die empirische mit theoretischer Arbeit verbinden – etwa in der Geo-Archäologie oder der Emotionsforschung. In der nächsten Runde sollten alle Clusterprojekte in ihrem Antrag beschreiben, auf welche Weise ihre Forschungsthemen auch die Studierenden erreichen.

Den Plan aus der ersten Exzellenzinitiative scheint die FU bereits umgesetzt zu haben. Sie hat drei strategische Zentren geschaffen: eine Doktorandenschule, ein Zentrum für die Forschungsplanung und eins für die Internationalisierung. Könnte das nicht bedeuten, dass die FU in der nächsten Runde nicht mehr weiter gefördert werden muss?

Sie glauben gar nicht, was wir für weit gespannte Entwicklungspläne haben! Die erfolgreiche Umsetzung unserer Zentrumsstrategie muss nach meiner Überzeugung in ein Nachwuchsfördermodell münden, das herausragende Wissenschaftler des In- und Auslands von der Promotion bis zur Berufung unterstützt. Dafür möchte ich die vier Dahlemer Max-Planck-Institute und die Fraunhofer-Gesellschaft als Partner zum Aufbau internationaler Nachwuchsgruppen gewinnen. Mit Hilfe unserer Strategiezentren können wir in der nächsten Runde für die nächsten 20 Jahre planen, indem wie die besten Köpfe aus aller Welt an die Freie Universität holen. Damit ist die Exzellenzförderung dort angekommen, wo sie allen hilft: der Wissenschaft, aber auch den Studierenden, die von jungen, inspirierenden akademischen Lehrern profitieren.

Wie wichtig ist es, dass die FU noch einmal in der Exzellenzinitiative siegt?

Derzeit fließen jährlich 19 Millionen aus Exzellenzmitteln in den Gesamthaushalt unserer Universität. Davon werden auch Kostenpunkte aus dem Normalbetrieb gedeckt – Juniorprofessuren, Verwaltungsstellen, Bauaktivitäten. Fehlen solche Zuschüsse, wäre das fatal für unsere Grundversorgung.

Sie haben angekündigt, Sie wollten bei der Finanzierung durch das neue Preismodell des Senats gemeinsam mit den anderen beiden neu gewählten Berliner Uni-Präsidenten nachverhandeln. Heißt das, die Amtsvorgänger haben sich vom Senator über den Tisch ziehen lassen?

Nein. Es musste Haushaltssicherheit geschaffen werden, man konnte nicht ewig weiterverhandeln. Die Universitäten übersehen aber erst jetzt in der konkreten Umrechnung auf Haushaltsjahre, in welch gefährliche Lage sie kommen, sofern sie ihre Höchstleistungen in Lehre und Forschung nicht nochmals steigern. Wenn wir im Wettstreit mit den Universitäten im Süden der Republik weiter bestehen wollen, brauchen wir entsprechende Rahmenbedingungen.

Welche Vorschläge würden Sie dem Senator unterbreiten?

Erstens benötigen wir eine Anhebung der Studienplatzfinanzierung, die unsere Lehrbelastungen wirklich auffängt. Denn Fächer, die sich bereit erklären, im Sinne des Preismodells mehr Studierende aufzunehmen, können das nicht zum Nulltarif tun. Zweitens müssen wir über Mittel der Einsteinstiftung noch stärker als bisher bei der Planung unserer Exzellenzprojekte unterstützt werden, damit wir nicht die Normalausstattung angreifen müssen. Und drittens benötigen wir zusätzliche Mittel für die regelmäßige Qualitätssicherung der Studiengänge. Denn das ist sehr personalintensiv.

Was, wenn der Senator Ihnen nicht entgegenkommt?

Der Senator kennt unsere Situation, er hat Interesse an unserem Erfolg im Exzellenzwettbewerb. Auch der Finanzsenator muss sehen, dass die Freie Universität ein starker Partner für Berlin und seine Wirtschaft ist. Wir finanzieren aus eingeworbenen Drittmitteln derzeit 1000 zusätzliche Mittelbaupositionen, und damit auch den Zuzug von Steuerzahlern nach Berlin. Die Freie Universität alimentiert durch externe Ressourcen die doppelte Zahl der Stellen, über die eine Firma wie Schering verfügt.

An der FU herrscht die Sorge, das Steglitzer Uniklinikum Benjamin Franklin (UKBF) verliere zunehmend an Gewicht in der Charité. Immer mehr Professuren würden nach Mitte und Wedding verschoben. Ihr Vorgänger Dieter Lenzen hat schließlich versucht, das Klinikum wieder aus der Charité herauszulösen. Offenbar ohne Erfolg. Was können Sie für das UKBF tun?

Wir müssen das Klinikum Benjamin Franklin als Forschungsstandort im jetzigen Umfang sichern, um die vorzügliche Zusammenarbeit mit unseren naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern zu erhalten. Zugleich müssen sich Freie Universität und Humboldt-Universität als Partner begreifen, die eine gemeinsame Medizin zusammen und nicht gegeneinander gestalten sollten.

Was wird aus der Sanierung des UKBF?

Für das Benjamin Franklin müssen wir in den nächsten Jahren ein Sanierungskonzept erstellen, das die Deckungslücke von 150 Millionen Euro ausgleicht, womöglich privat finanziert. Wir müssen zugleich ein überzeugendes Modell entwickeln, das auch die aktuellen Überlegungen zur engeren Verbindung von vorklinischer und klinischer Ausbildung in der Medizin integrieren kann. Das würde es ermöglichen, an beiden Standorten verschiedene Ausbildungsschwerpunkte zu schaffen, die besser als bisher aufeinander abgestimmt wären.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

Peter-André Alt (49) ist neuer Präsident der Freien Universität. Der Germanist kam 2005 als Professor an die FU. Bisher leitete er die Dahlem Research School für Doktoranden.

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