Fukushima : Die tägliche Dosis (9)

Bad news aus den USA: Alexander S. Kekulé präsentiert ein vertrauliches Dokument der US-Atombehörde NRC und stellt fest: Es sieht in Fukushima düsterer aus, als es die Tepco-Angaben bisher vermuten ließen.

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Die AKW-Betreiberfirma Tepco hat eine Reihe von folgenschweren Fehlern gemacht und falsche Informationen gegeben.
Die AKW-Betreiberfirma Tepco hat eine Reihe von folgenschweren Fehlern gemacht und falsche Informationen gegeben.Foto: dpa

Seit vorgestern hat die globale Aufregung um Fukushima noch einmal einen Quantensprung nach oben gemacht - wenn man die Nervosität der Fachleute mit einem Geigerzähler messen könnte, würde der jetzt ziemlich laut knattern.

Hintergrund ist ein Artikel der New York Times (NYT), deren wie üblich gut vernetzte Redakteure einen vertraulichen Bericht der US-Atombehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission) vom 26. März in die Hände bekamen. Die NYT gab einige beunruhigende Details aus dem Bericht wieder. Weil das natürlich kein NRC-Offizieller kommentieren durfte, ließ man David Lochbaum von der "Union of Concerned Scientists" zu Wort kommen. Erwartungsgemäß warnte der Atomkritiker, aufgrund des NRC-Reports sei in Fukushima alles noch viel schlimmer, als bisher gedacht.

Das wurde dann in allen Medien wiedergekäut, eine neue Angstwelle raste um den Globus. Einige Kommentatoren spekulierten, der vertrauliche NRC-Bericht enthalte Belege für eine stattgehabte Neuzündung der nuklearen Kettenreaktion (Re-Kritikalität) in Reaktor 1. Andere behaupteten, in Reaktor 2 habe sich der glühende Reaktorkern bereits durch den stählernen Druckbehälter in das äußere Containment vorgearbeitet.

Mit einigen Mühen ist es mir heute gelungen, das vertrauliche Dokument in die Hände zu bekommen. Dass nicht einmal die internationale Fachgemeinde das Papier sehen darf, finde ich schlichtweg empörend. Deshalb habe ich mich entschlossen, es hier frei zugänglich ins Internet zu stellen.

Nun zum Inhalt des ominösen Papiers. Um es gleich vorwegzunehmen: Dave Lochbaum hat leider Recht - es sieht in Fukushima düsterer aus als es die von Tepco und der japanischen Atomaufsicht NISA veröffentlichten Daten vermuten ließen. Auch zeigt sich, dass bisher einiges falsch gemacht wurde bei der Bekämpfung der Havarie. Zur Re-Kritikalität oder gar einem Durchschmelzen eines Reaktordruckbehälters ist es jedoch nicht gekommen.

Das wichtigste neue Ergebnis des NRC-Berichtes ist, dass die Verwendung von Meerwasser zur Kühlung viel mehr Schaden angerichtet hat als vermutet. Insbesondere im Reaktor 1 ist durch massive Salzkrusten die Kühlung der Brennstäbe sehr ineffektiv. Das Kühlwasser steht hier nach Einschätzung der NRC auch nur noch in der äußeren Ummantelung des Reaktordruckbehälters, während der innere Kessel (Reaktorkern), in dem die Brennstäbe sind, gar kein Wasser mehr enthält. Im Normalbetrieb läuft das Wasser nämlich zuerst in einem Hohlraum zwischen Druckbehälterwand und Reaktorkern nach unten und strömt dann, über Löcher im Boden des Reaktorkerns, wieder nach oben an den Brennstäben vorbei. Die NRC-Techniker vermuten, dass sich in der Bodenkalotte des Druckbehälters eine dicke Salzkruste gebildet hat, die das Kühlwasser vollständig blockiert. Wegen der Salzkruste gebe auch der am Boden des Druckbehälters von Reaktor 1 gemessene, moderate Temperaturwert (derzeit 115,3 °C) keinen Aufschluss über die wahre Innentemperatur.

Zu dieser Vermutung passt die von Tepco bisher nicht kommentierte Tatsache, dass in Reaktor 1 seit Tagen langsam aber stetig der Druck steigt. Wie gemeldet, hat Tepco seit heute Morgen begonnen, Stickstoff in das äußere Containment von Reaktor 1 einzuleiten. Der offizielle Grund, damit solle ein eventuell gebildetes, explosives Gemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff ("Knallgas") herausgeblasen werden, ist aber nur die halbe Wahrheit. Das Knallgas muss nämlich entfernt werden, weil voraussichtlich noch einmal eine Druckentlastung in Reaktor 1 notwendig sein wird. Bei diesem Manöver war am 12. März das Reaktorgebäude explodiert. Da hierbei unweigerlich auch wieder Radioaktivität in die Atmosphäre entweichen wird (weil in Fukushima die andernorts vorgeschriebenen Filter an den Ablassventilen fehlen), möchte Tepco offenbar nicht darüber reden, bevor es soweit ist.

Auch bei Reaktor 2 sieht es schlechter aus, als die Tepco-Angaben bisher vermuten ließen. Die merkwürdige Überschwemmung des Gebäudes mit hoch radioaktivem Wasser erklärt der Bericht so, dass auf dem Höhepunkt der Überhitzung kurz nach der Notabschaltung die Dichtungen der Kühlwasser-Umwälzpumpen zerstört wurden. Durch diese defekten Dichtungen, die in der Wand im unteren Drittel des Druckbehälters sitzen, strömt hoch radioaktives Kühlwasser in das äußere Containment aus Stahlbeton. Weil der Stahlbeton seinerseits durch das Erdbeben undicht geworden ist, läuft radioaktives Kühlwasser in die unteren Geschosse des Reaktorgebäudes. Durch das Versagen der Dichtungen steht das Kühlwasser auch nur bis auf deren Höhe, das heißt eine Kühlung der darüber liegenden Teile der Brennstäbe ist kaum noch möglich. Das alles macht die Kühlung der Reaktoren noch schwieriger.

Leider zeigt der Bericht auch, dass Tepco eine Reihe von folgenschweren Fehlern gemacht und falsche Informationen gegeben hat. Beispielsweise ist erst jetzt klar, dass die Brennstäbe in Reaktor 1 wahrscheinlich im Trockenen stehen - laut Tepco-Angaben waren sie immerhin halb mit Kühlwasser bedeckt. Auch stellt sich die Frage, ob man nicht viel früher Süßwasser statt Meerwasser für die Kühlung hätte heranholen können - schließlich steht das nordjapanische AKW nicht gerade in der Wüste. Regelrecht nervös macht auch die jetzt bekannt gewordene Tatsache, dass Tepco bis heute (!) bei Reaktor 1 Kühlwasser ohne Borsäure verwendet - zur Vermeidung einer Re-Kritikalität wäre das eine unverzichtbare Standardprozedur.

Neben der sofortigen Beimischung der Borsäure haben die NRC-Experten eine lange Liste weiterer Empfehlungen gegeben. Bleibt sehr zu hoffen, dass diese jetzt konsequent umgesetzt werden.