Fusion : "Zum Erfolg verdammt"

Das Karlsruher Institut für Technologie soll der US-Elite Konkurrenz machen. Noch kämpft es mit der Bürokratie.

Frank van Bebber
ANKA
Mit voller Kraft. Uni und Forschungszentrum Karlsruhe wollen fusionieren - ein in Deutschland einmaliges Projekt. -Foto: promo

Auf dem Tanzparkett ist die Fusion schon gelungen. Bei Salsa-Rhythmen feierten Wissenschaftler der Technischen Universität und des Forschungszentrums Karlsruhe vor wenigen Tagen eine rauschende Ballnacht. Die sonst eher nüchternen Technikforscher ließen im bunt ausgeleuchteten Schlosspark um Mitternacht ein „Fusionsfeuerwerk“ unter dem Motto „Aus zwei mach eins“ abbrennen. Am Ende brannten die Feuerwerker über 3200 Gästen das neue KIT-Logo in den Himmel. KIT, das steht für Karlsruher Institut für Technologie.

Die Ähnlichkeit zur amerikanischen Nobelpreisträger-Schmiede MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, ist kein Zufall, sondern beschreibt das Ziel des Forschungszentrums des Bundes und der Landesuniversität. Sie wollen außeruniversitäre und universitäre Wissenschaft im KIT vereinen – ein in Deutschland einmaliges Modell. Doch die Karlsruher drohen auf dem Parkett der Wissenschaftspolitik aus dem Takt zu geraten. Als sie nach neun Monaten Vorarbeit gestern Grundzüge des KIT vorstellten, klagte Uni-Rektor Horst Hippler: „Wir sind gefangen in vielen Regulierungen und Grenzen.“ Er drängte mehrfach auf Experimentierklauseln in Gesetzen von Land und Bund. Der Leiter des Forschungszentrums (FZK), Eberhard Umbach, sprach von offenen Fragen und „der Bund-Länder-Problematik“.

Frieder Meyer-Krahmer, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, sieht das KIT indes auf einem guten Weg. Die Verschränkung der Gremien von Uni und Forschungszentrum Karlsruhe zeige, dass zukunftsweisende Wege beschritten werden können. Tatsächlich sei es rechtlich äußerst kompliziert, Landes- mit Bundeseinrichtungen zu fusionieren. Aber eine „Verschränkung, bei der juristisch zwei Entitäten erhalten bleiben“, sei machbar, sagte Meyer-Krahmer dem Tagesspiegel auf Anfrage. Wenn jetzt gemeinsame Themenbereiche für die Forschung festgelegt und Forschung und Lehre beider Einrichtungen miteinander verbunden werden, sei das KIT ein Modell, „wie man die Versäulung auflösen kann, indem man die Kräfte bündelt“.

Hippler und Umbach sprachen denn auch von einer „Partnerschaft“. Daraus solle sich bis 2010 gleichwohl eine Fusion beider Institutionen entwickeln. Anfangs werde man jedoch „die Finanzströme getrennt halten müssen“. Die heute etwa gleich starken Partner hätten gemeinsam 7800 Mitarbeiter, davon 312 Professoren. Mit einem Jahresetat von 600 Millionen Euro, je ein Drittel von Bund, Land und anderen, schlösse das KIT zur ETH Zürich auf. Die Schweizer Hochschule war im 19. Jahrhundert ebenso wie das MIT nach Karlsruher Vorbild gegründet worden. An solche Zeiten möchte Hippler anknüpfen – und setzt auf die Kraft des Faktischen. „Das KIT ist zum Erfolg verdammt“, sagt Hippler. Sein stärkstes Druckmittel: Der Universität droht bei zu starker Verwässerung der Idee der Verlust des Elite-Titels und damit von rund 100 Millionen Euro.

Mit dem KIT-Konzept hatte die Uni Karlsruhe2006 die Gutachter im Exzellenz-Wettbewerb überzeugt. Hippler schwärmte von einer Revolution, die den Rahmen deutscher Hochschulpolitik sprenge. Geschickt nutzte er den Zeitdruck, unter den die Antragsfristen des Wettbewerbs die Hochschule setzten. Vor Ort blieb keine Zeit für Diskussionen. Nun mahnt Hippler: „Es gibt für Bund und Land kein Zurück, sonst würden sie ihre eigene Exzellenzinitiative ad absurdum führen.“ Bis Dezember wollen Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Gründungsvertrag des KIT sehen, dem Bund und Land als Eigentümer zustimmen müssen. Damit wären auch sie festgelegt.

Bereits fusioniert sind KIT-Bibliotheken und Rechenzentren. Bis Anfang 2008 sollen Forschungsfelder wie Energie, Nanotechnik, Umwelt und Klima folgen, in denen das KIT weltweit Furore machen will.

Das 1956 gegründete Karlsruher Forschungszentrum war jüngst von Experten unter die Lupe genommen worden. Ergebnis: Konkurrenten wie das MIT betreiben nicht nur Großforschung, sondern sind zugleich Universität. Nun will Umbach mit dem KIT auch andere in Deutschland ermutigen. Mancherorts komme das Signal an, sagte Umbach, „etwa in Berlin“. Hier plant der Wissenschaftssenator eine „Tochterinstitution“ für universitäre und außeruniversitäre Spitzenforschung. Den Karlsruher Forschern steht aber selbst noch ein Mentalitätswandel bevor: Die zur Helmholtz-Gemeinschaft gehörenden FZK-Wissenschaftler sehen sich in Zukunftsthemen auf nationaler Mission, während an der Universität Fragen aus dem Interesse einzelner Wissenschaftler erwachsen. Umbach und Hippler möchten Top-Forscher durch nach oben offene Gehaltsstrukturen locken. Die Bundesforscher sollen bei der Lehre für 18 500 Studenten helfen, um das Betreuungsverhältnis Richtung fünf zu eins zu treiben.

Doch auch heute gibt es schon intensive Kontakte. Anne Ulrich, Professorin für Biochemie, erzählte, sie radele oft mit Laborproben auf dem Gepäckträger zwölf Kilometer vom Uni-Campus zum Forschungszentrum. Sie drückt den gemeinsamen Lauf- und Rudermannschaften die Daumen, die längst fusioniert starten. Und sie berichtete von einer Tagung mit Forschern beider Institutionen. Die Vorurteile seien verschwunden, als man abends vor dem offenen Kamin gemeinsam einer Gitarre gelauscht habe. So gesehen war das rauschende Fusionsfest vielleicht doch der richtige Start in die Zukunft des KIT.

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