Fußballfans : Spielfeld der Geschlechter

Frauen als Fußballfans sind stark im Kommen - unter dem wachen Blick von Forscherinnen.

Eva-Maria Götz
Fußballfans
Fußballfans sind weiblich. -Foto: Tsp

Eine fußballbegeisterte Bundeskanzlerin, die die Abseitsregeln erklären kann wie ein Profi. Fußballfanmeilen in allen Stadtzentren mit Programmen, bei denen Kinder und Frauen mindestens ebenso auf ihre Kosten kommen wie die kickenden Leitwölfe der Familie. Sogar vor Kulturevents wie Ausstellungen und Arienabenden schrecken die Organisatoren der großen internationalen Meisterschaften nicht zurück. Fußball für alle: Ist die letzte Bastion der ungebrochenen Männlichkeit, das Fußballfeld, geschleift?

Nein, sagt die Tübinger Kulturwissenschaftlerin Almut Sülzle. Denn das Interesse weiblicher Fans beschränke sich im Wesentlichen auf Länderspiele und Großereignisse wie die kommende Europameisterschaft. Da sitzen dann bis zu 50 Prozent der weiblichen Bundesbürger vor dem Fernseher und eine wachsende Anzahl auch in den Stadien.

Allerdings verfolgt auch die Hälfte der männlichen Deutschen das Spiel mit der Lederkugel. Das gilt wiederum als wenig, bedeutet es doch, dass sich immerhin die Hälfte der deutschen Männer nicht für Fußball interessiert! Und das, obwohl die Aufzählung der Kriterien, nach denen Männlichkeit bewertet wird, laut Umfragen immer noch lautet: „Interesse für Fußball, Technik, Militär und Sex“, und zwar genau in dieser Reihenfolge.

Tatsächlich bleibe Fußball nach wie vor eine Männerdomäne, sagt Almut Sülzle, die seit Jahren intensive Forschungen auf der Fantribüne der „Offenbacher Kickers“ betreibt – auch im Selbstversuch. Denn unterhalb der Länderspielebenen, bei den Kreis,- Bezirks-, und Regionalligen, sei das „starke Geschlecht“ noch weitgehend unter sich.

„Fußball folgt einer männlichen Grammatik“, lautet der Lehrsatz des Sportsoziologen Peter Becker (Marburg). Und diese Grammatik folgt laut Almut Sülzle drei Regeln: Des Wettkampf wird als Grundprinzip in Kombination mit anderen männlichen Werten wie Treue und Kameradschaft anerkannt. Aggression gilt als Mittel der Auseinandersetzung und Teil der Stimmung. Und die Abwertung der Weiblichkeit erscheint legitim.

Frauen, die sich in Fankurven verirren, müssen sich auf einiges gefasst machen, zum Beispiel auf die Bezeichnungen „Gänse“ und „Tussen“. Immer mehr Frauen scheinen sich davon allerdings nicht mehr abschrecken zu lassen, im Gegenteil: Mit Witz, Ironie und einer gehörigen Portion Selbstironie gründen sie weibliche Fanklubs mit sprechenden Namen wie „Titten auswärts“, „Tivolitussen“, „Hooligänse“ oder „Milchschnitten“. In Köln gibt es die „Uschifront“, deren Fanrequisiten knallrosa glitzern. Mit Fußballregeln und dem einschlägigen Jargon kennen sich die organisierten weiblichen Fans jedoch aus wie die Profis.

Frauen, die den Weg ins Stadion gefunden haben, bietet sich eine bunte Mischung: „Die männliche Fußballfankultur ist bunt, offen und vielfältig“, sagt Almut Sülzle. „Den Kuttenträger und den Anzugträger, den Getränkehändler von nebenan und den Sparkassendirektor, den Müllmann im Ruhestand und den Studenten“, alle eint nur ein Ziel – „ihre Mannschaft siegen zu sehen“. Bei aller Offenheit der Fankultur: Alle haben sich – stillschweigend – auf die strikte Beachtung eines Tabus verständigt: Homosexualität im Männerfußball ist kein Thema. Auf das erste Outing eines Fußballspielers wartet die Sportwelt bislang vergebens.

Vielleicht ist man in den USA da schneller, spekuliert die Genderforscherin Eva Boesenberg. Denn dort gelte Fußball ohnehin als weiblich geprägter, sogar „weibischer“ Sport. 75 Prozent aller in Klubs organisierten Spieler stammen aus dem weißen Bildungsbürgertum vor allem an der Ostküste, sagt Eva Boesenberg. Der Mädchenanteil bei Nachwuchsspielern ist mit 40 Prozent sehr hoch. Deren Eltern schätzen Fußball, weil dort die Verletzungsgefahr gering und der Erwerb sozialer Kompetenz gewährleistet sei.

Fußball, wie er in den USA betrieben wird, stelle bewusst hegemoniale Männlichkeitsdiskurse wie die Leistungsorientierung und die Legitimität von Gewalt infrage, so Boesenberg. Die Political Correctness gehe so weit, dass manche Jugendliche darauf verzichten, die erzielten Tore zu zählen. „Fußball zu hassen“, sagte der amerikanische Journalist Tom Weir, „ist amerikanischer als Apple Pie.“ Und Radiomoderator Jim Rome schoss in die gleiche Richtung: „Eher würde ich meinem Sohn Schlittschuhe und eine glitzernde, paillettenbesetzte Bluse in die Hand drücken als einen Fußball.“

Weitaus höher ist der Stellenwert des Fußballspielens in Afrika. Das Forschungsinteresse der Berliner Afrikawissenschaftlerin Susann Baller gilt nachbarschaftlich organisierten Fußballvereinen im Senegal. „Die Bühne des Fußballs ist wie ein Prisma, durch das sich soziale und kulturelle Bilder von Männlichkeit mit all ihren Brüchen und inneren Widersprüchlichkeiten betrachten und hinterfragen lassen“, erklärt Baller. In Nachbarschaftsklubs stehen Werte wie Disziplin, Verantwortungsbereitschaft und Teamgeist ganz oben. Die jungen, durchtrainierten, im Sport erfolgreichen Männer sind die Helden der Straße, gefeierte „Löwen“ und „Ritter“. Fußballspielen verschafft Aufstiegschancen, Autorität und Selbstbewusstsein. Wenigstens bis zur Haustür. Innerhalb der Familie hat der alte, der lebenserfahrene Mann das Sagen, da müssen sich auch die jungen Löwen in der Hierarchie wieder unten anstellen.

Mehr zum Thema www.gender.hu-berlin.de/

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