Ganztagsschule : Das ganze Angebot

Sieben Jahre lang hat der Bund Schulen beim Ausbau des Ganztagsunterrichts gefördert. Hat sich das ausgezahlt?

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Über Mittag. Eine Hürde für Ganztagsunterricht ist die Verpflegung.
Über Mittag. Eine Hürde für Ganztagsunterricht ist die Verpflegung.Foto: ddp

Kinder und Jugendliche, die regelmäßig an Ganztagsangeboten in der Schule teilnehmen, sind weniger aggressiv, müssen seltener eine Klasse wiederholen und haben häufig bessere Noten als Schüler, die mittags nach Hause gehen. Das zeigt die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Erziehungswissenschaftler mehrerer Institute haben dazu in 14 Bundesländern mehr als 300 Schulen in drei Wellen von 2005 bis 2009 befragt. Die Untersuchung belege die positiven Effekte von Ganztagsschulen, zeige aber auch, wo die Angebote noch besser werden müssten, sagte Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung.

„Großen Nachholbedarf“ sehen die Forscher etwa bei den Förderangeboten in Fächern wie Deutsch und Mathematik. Nur 28 Prozent der Grundschüler an Ganztagsschulen nehmen daran teil – immerhin aber etwas mehr als 2005 (rund 22 Prozent). Auch in der Sekundarstufe (Klassen 5 bis 9) sind der Förderunterricht und die Hausaufgabenbetreuung der problematische Bereich. Nur ein Viertel beziehungsweise ein Drittel der Schüler nimmt teil, sie entschieden sich mehrheitlich für fächerübergreifende Arbeitsgemeinschaften, Projekte oder Freizeitangebote.

Die Schulen würden zwar ausreichend Förderangebote machen, sagt Günter Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund. Doch nun müssten diese auch verbindlich werden, und zwar nicht nur für schwache Schüler. Denn die Mischung macht’s: In Gruppen, in denen starke und schwache Schüler zusammen lernen, gebe es bessere Fördereffekte. Ein ausgewogenes Verhältnis von Kindern aus sozial schlechter und besser gestellten Familien gibt es vor allem in der Sekundarstufe, hier nehmen jeweils rund 70 Prozent der Schüler die Nachmittagsangebote wahr. In den Grundschulen bleiben von den Kindern mit Migrationshintergrund zehn Prozent weniger am Nachmittag dort. Dieser Unterschied sei aber nicht gravierend, sagen die Forscher. Und je mehr Kinder insgesamt am Ganztagsschulbetrieb teilnehmen, desto höher werde auch die Quote bei den Migranten.

Ein differenziertes Bild ergibt sich auch bei den Effekten der Nachmittagsbetreuung. Bessere Noten können Ganztagsschüler nur erwarten, wenn die Unterrichtsqualität hoch ist und Methoden angewandt werden, die auf individuelle Lernvoraussetzungen eingehen. Die besten Ergebnisse erzielten Schulen, an denen die Schüler aktiviert und herausgefordert werden und ein gutes Verhältnis zu den Betreuern haben, sagt Eckhard Klieme. Das geringere Risiko von Klassenwiederholungen gelte aber durchweg: Von den Schülern, die in Ganztagsschulen an Nachmittagsangeboten teilnahmen, blieben 2,4 Prozent sitzen, bei Nichtteilnehmern waren es 8,4 Prozent.

Ein flächendeckendes Ganztagsangebot für alle Schüler hat unterdessen die SPD-Bundestagsfraktion gefordert. Die AG Bildung der SPD-Bundestagsfraktion stellte am Donnerstag Details eines „Masterplans Ganztagsschule 2020“ vor – und nannte erstmals Zahlen zur Finanzierung. Um den Ausbau in einem ersten Schritt bis 2015 zu sichern, seien insgesamt acht Milliarden Euro nötig. Das würde eine Verdoppelung des Ganztagsschulprogramms bedeuten, in das der Bund von 2003 bis 2009 vier Milliarden Euro investiert hat und mit dem 7200 Ganztagsschulen ausgebaut wurden.

Bei der SPD heißt es nun, vier Milliarden müssten in Baumaßnahmen und Ausstattung – etwa mit Mensen – von noch einmal so vielen Schulen fließen, vier Milliarden für neues Personal neben den Lehrkräften. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Aus ihrem Ministerium hieß es lediglich, aufgrund der Föderalismusreform könne der Bund das Programm gar nicht neu auflegen.

Die SPD schlägt eine Grundgesetzänderung vor: Eine neue Kooperationsklausel könnte im schulischen Bereich eine gemeinschaftliche Finanzierung von Bund und Ländern erlauben, die nach der Förderalismusreform von 2006 nicht mehr möglich sind. Alternativ schlagen die Bildungsexperten „allgemeine Finanzzuweisungen des Bundes für den Bildungsbereich der Länder“ vor. Diese würden sich dann vertraglich verpflichten, mit dem Geld die Ganztagsschulen auszubauen.

Von bundesweit rund 35 000 allgemeinbildenden Schulen hatten im Schuljahr 2008/2009 rund 12 000 einen Ganztagsbetrieb, also 34 Prozent. Beim 7. Ganztagsschulkongress, zu dem am Freitag und Sonnabend in Berlin 1300 Lehrer, Schüler, Eltern und Kooperationspartner erwartet werden, werden „Ideen für eine neue Lernkultur“ ausgetauscht.

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