Gastbeitrag : Berlins Hochschulen brauchen ein Bauprogramm

Der Sanierungsstau an den Berliner Hochschulen muss endlich abgebaut werden – finanziert mit den neuen Bundes-Mitteln. Das fordert HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz in einem Gastbeitrag.

Jan-Hendrik Olbertz
Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.
Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.Foto: picture alliance / dpa

In der Senatsverwaltung für Finanzen hieß es vor nicht allzu langer Zeit, man verfolge mit dem öffentlichen Haushalt den Grundsatz „Sanierung durch Aufgabenreduzierung“. In Bezug auf den baulichen Investitionsstau allein der Berliner Universitäten, der inzwischen bei über eine Milliarde Euro liegt, heißt das „Sanierung durch Nicht-Sanierung“, oder anders gesagt, Sanierung durch Verfall. Das ist längerfristig die teuerste Art des Umgangs mit öffentlichen Mitteln: Für die Humboldt-Universität (HU), um es an einem Beispiel zu illustrieren, hat diese Politik mittlerweile Mietkosten in Höhe von 10,5 Millionen Euro pro Jahr zur Folge, weil eigene Gebäude im Ausmaß von rund 30 000 Quadratmetern baupolizeilich gesperrt sind oder das Geld für ihre Wiederherstellung fehlt. Dazu gehört unter anderem ein 400 Personen fassender, prachtvoller Hörsaal aus dem frühen 20. Jahrhundert in der Invalidenstraße 42, den die Lebenswissenschaftliche Fakultät dringend bräuchte. Das Geld für Anmietungen müssen sich die Hochschulen aus ihren schmalen Grundbudgets schneiden, die eigentlich für Kernaufgaben von Forschung und Lehre gedacht sind.

Allein an der HU beträgt der Sanierungsstau 440 Millionen Euro

Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) hat 2010 im Auftrag der Senatsverwaltung den Instandsetzungsrückstau allein der HU auf rund 440 Millionen Euro veranschlagt. Bei den Nachbaruniversitäten dürfte es, wenn überhaupt, nur wenig besser aussehen.

Hinzu kommt, dass das Land in den letzten Jahren viele für die HU in Berlin Mitte geeignete Immobilien an private Dritte veräußert hat. So wurde beispielsweise 2008 das Pergamon-Palais in der Georgenstraße 45–47 an einen privaten Investor verkauft, der es nach Sanierung jetzt in maßgeblichen Teilen an die HU vermietet. Weitere Beispiele sind die ehemalige Frauenklinik in der Tucholsky-Straße oder das Robert-Koch-Institut in der Georgenstraße, beides alteingesessene Universitätsbauten.

"Berlin baut für die Wissenschaft" - das wäre ein stolzes Motto

Dringender denn je brauchen die Berliner Hochschulen also ein eigenes Bauprogramm. „Berlin baut für die Wissenschaft“ wäre ein stolzes und zugleich respektvolles Motto, das politische Aufmerksamkeit und Anerkennung erlangen würde – vor allem aber das nötige Geld verfügbar machte, um zumindest in einem ersten Schritt mit dem Abbau des Sanierungsstaus zu beginnen.

Die Senatsverwaltung hätte jetzt die Möglichkeit dazu: Mit der Übernahme der Bafög-Kosten durch die Bundesregierung ab 2015 werden allein im Land Berlin jährlich Mittel von geschätzt 80 Millionen Euro frei. Diese Chance ungenutzt zu lassen oder das Geld den Hochschulen mit der Begründung vorzuenthalten, sie wären schon mit den Hochschulverträgen ausreichend berücksichtigt worden, ist unverantwortlich. Abgesehen davon, dass die mit den Verträgen zugesagten Aufwüchse von den allgemeinen Kostensteigerungen übertroffen werden, können viele der Hochschulen in Berlin ihre Leistungen derzeit nur erbringen, wenn (und weil) sie ihre Substanz aufzehren.

Die Bafög-Millionen statt für ein Bau- und Sanierungsprogramm zum Schuldenabbau zu verwenden, ein immer wieder gehörtes Argument, wäre ebenso wenig nachhaltig, wenn gleichzeitig nichts gegen den fortschreitenden Verfall öffentlichen Vermögens in Berlin unternommen wird. Umso dringender ist es, bei der sich jetzt bietenden Gelegenheit eine wirklich nachhaltige Initiative zu ergreifen und ein solches Bauprogramm für die Berliner Wissenschaft aufzulegen.

- Der Autor ist Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.

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