Gastbeitrag : Die neue Studienplatz-Plattform ist eine Innovation

Hochschulstart.de, das neue Online-Portal für Studienplätze, hat Vorteile – man muss sie nur nutzen. Doch an einigen Stellen hapert es noch.

Dorothea Kübler
Dorothea Kübler
Dorothea Kübler.Foto: WZB/David Ausserhofer

War das ein Gezeter! In den letzten Jahren war das neue Verfahren für die Vergabe von Studienplätzen ein echter Aufreger: Es gab Software-Probleme, der Starttermin wurde mehrfach verschoben, tausende Plätze blieben unbesetzt. Die Häme war groß. Und nun: Praktisch lautlos hat in diesem Wintersemester die neue zentrale Vergabe-Plattform über 17 000 Studienplätze vergeben. Zufriedenheit? Anerkennung? Neugierde? Nichts von alledem. Ein genauerer Blick auf die Situation ist dabei sehr aufschlussreich.

Es gibt heute noch drei Varianten der Studienplatzverteilung. Für Medizin und verwandte Fächer gibt es das von früher bekannte zentrale ZVS-Verfahren (jetzt von der Stiftung Hochschulstart). Ansonsten wird das Gros der anderen Studienplätze von den Universitäten dezentral vergeben. Als Drittes wurde das „Dialogorientierte Serviceverfahren“ entwickelt. Es ist eine zentrale Unterstützung für die Berücksichtigung der Präferenzen der Hochschulen und der Bewerber. Es soll den Hochschulen helfen, zeitig und nach den eigenen Kriterien die Studienplätze zu besetzen. Und Bewerber, die früh ein passendes Angebot annehmen, sollen vom Markt genommen werden. Denn hier lag bisher ein Problem: Die zeitraubenden Nachrückrunden führten dazu, dass Plätze selbst in begehrten Fächern zu Semesterbeginn nicht verteilt waren.

Für dieses Wintersemester haben 16 Hochschulen mit insgesamt 140 Studienangeboten am neuen Serviceverfahren der Stiftung Hochschulstart teilgenommen, für das Fach Psychologie waren es fast alle Hochschulen. Die Schüler schicken dabei ihre Bewerbungen direkt an die Hochschulen, die die Bewerberdaten speichern und sie außerdem an das Serviceverfahren weiterleiten. Zudem übermittelt jede Hochschule eine Rangliste ihrer Bewerber an das Serviceverfahren. Die Aufgabe des zentralisierten Verfahrens besteht allein darin, den Bewerbern Angebote der Universitäten zukommen zu lassen, und zwar nach den Wünschen der Hochschulen. Nimmt ein Bewerber ein Angebot an, wird er von den anderen Hochschulen nicht mehr berücksichtigt. So können dort weitere Bewerber rasch nachrücken.

Solche Verfahren werden auf der ganzen Welt eingesetzt und sind gut erprobt. In Deutschland gibt es aber eine interessante Besonderheit. Das Verfahren imitiert nämlich in seiner ersten Phase herkömmliche Bewerbungsverfahren (Modell „Gießkanne“) ohne eine zentrale Koordinierungsstelle. Das lange für viele Fächer gültige ZVS-Verfahren hatte gleich zum Zeitpunkt der Bewerbung eine genaue Wunschliste erfordert. Im neuen Verfahren brauchen sich die Bewerber dagegen erst nach dem Empfang von ersten Zulassungsangeboten überlegen, welches der Angebote sie vorziehen, das heißt welches Fach sie wo am liebsten, am zweitliebsten etc. studieren wollen. Wird ein Angebot angenommen, scheidet der Bewerber aus dem Verfahren aus. Wer noch keines der Angebote annimmt, beispielsweise weil seine Lieblingsuni nicht dabei ist, muss seine Bewerbungen in eine Reihenfolge bringen und bleibt im Rennen.

Was sind die Vorteile des frühen Mehrfach-Angebots, vor Festlegung einer Rangfolge? Eine Umfrage auf der Website des Bewerbungsportals der Stiftung Hochschulstart bietet Antworten. Viele Bewerber geben an, dass sie zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht genügend Informationen haben, um die Studienangebote und Hochschulen, für die sie sich beworben haben, in eine Reihenfolge zu bringen. Viele Antworten weisen zudem darauf hin, dass frühe Angebote der Hochschulen die Bewerber noch umgestimmt haben. Hochschulen können also durch frühe Angebote gute, bis dahin unsichere Bewerber gewinnen. Bewerber können sich mit Freunden abstimmen, mit denen sie gemeinsam studieren möchten.

Es sieht also danach aus, dass alle Beteiligten profitieren könnten. Allerdings müssen möglichst viele Hochschulen ihre Studienangebote über die Plattform abwickeln, um Koordinierungsvorteile auszuschöpfen. Daran hapert es bisher.

Durch späte Angebote von nicht beteiligten Hochschulen verlieren Hochschulen zu einem späten Zeitpunkt immer noch Bewerber, die eigentlich schon zugesagt haben. Dann ist nicht mehr viel Zeit, und das Verfahren ist auf diesen Fall auch nicht gut eingestellt, so dass nach wie vor Plätze unbesetzt bleiben. Ob sich am Ende die meisten Hochschulen für das Verfahren entscheiden, ist die große Frage. Aber eines lässt sich bereits sagen: Das neue Verfahren hat enorme praktische Vorteile. Es ist eine echte Innovation und erhält international Aufmerksamkeit in der Wissenschaft.

- Die Autorin ist Direktorin der Abteilung Verhalten auf Märkten am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Technischen Universität Berlin.

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