Gastbeitrag : Prekär beschäftigt: Deutschlands Juniorforscher brauchen Hilfe

Der wissenschaftliche Nachwuchs braucht mehr Planungssicherheit. Der Bund sollte einen Fonds für die Besten schaffen, fordert FU-Präsident Peter-André Alt in einem Gastbeitrag

Peter-André Alt
FU-Präsident Peter-André Alt.
FU-Präsident Peter-André Alt.Foto: Bernd Wannenmacher

Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland lässt sich in zwei völlig unterschiedlichen Szenarien beschreiben. Das eine offenbart, dass die Chancen auf akademische Qualifizierung für eine wissenschaftliche Karriere selten besser standen. Im Zuge der Exzellenzinitiative wurden an den Universitäten zahlreiche Doktorandenprogramme eingerichtet, die zu klar verbesserten Qualifizierungsbedingungen führten. Für die sogenannte Postdoc-Periode – die maximal dreijährige Karrierephase nach dem Abschluss der Dissertation – hat der Zuwachs an Drittmittelprojekten neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen. Und: Die seit 2002 eingeführte Juniorprofessur, wenngleich nicht im ursprünglich geplanten Umfang von 5000 Stellen realisiert, hat sich als Erfolgsmodell erwiesen. Wer nach einer herausragenden Dissertation auf eine solche Position berufen wird, besitzt beste Chancen, später eine Professur auf Lebenszeit zu erhalten.

Das zweite Szenario macht dagegen beträchtliche Risiken sichtbar. Die meisten Nachwuchswissenschaftler sind in zeitlich limitierten Beschäftigungsverhältnissen tätig, was zu hoher Planungsunsicherheit führt. Die Anzahl der unbefristeten Stellen unterhalb der Professur ist in Deutschland deutlich niedriger als in anderen Staaten. Im Zuge der massiven Budgetkürzungen, die seit Beginn der 90er Jahre das Hochschulsystem zum Stellenabbau zwangen, entfielen unbefristete Positionen im sogenannten Mittelbau jenseits der Professur. Will man dem Nachwuchs verlässliche Chancen sichern, so fehlen im Rahmen universitärer Stellenpläne zumeist die Gestaltungsmöglichkeiten. Da die Zahl der Professuren fixiert ist und die fachliche Zuordnung nicht einfach verändert werden kann, bleiben die Spielräume eng.

Ein attraktives Lösungsmodell, das jetzt auch ein Papier der Regierungsfraktionen im Deutschen Bundestag aufgreift, stammt von der Technischen Universität München. Sie hat einen Pool mit unbefristeten Professuren ohne weitere Grundausstattung für die besten Nachwuchswissenschaftler aufgelegt. Die Mittel für diesen Pool stammen aus der Umwandlung von Dauerstellen des Typs „Akademischer Rat“, die früher dem Mittelbau angehörten. Damit kann denen, die sich auf einer Zeitprofessur besonders bewährten, eine Berufung auf eine Dauerstelle angeboten werden. Die Universität wiederum muss nicht mit befristeten Übergangslösungen arbeiten und darf systematisch planen, statt ständig zu improvisieren.

Der Nachteil dieses Modells besteht darin, dass nur wenige Universitäten noch über Personalreserven wie die TU München verfügen. Wo die früheren Dauerstellen des Mittelbaus längst in befristete Positionen verwandelt worden sind, kann man keinen entsprechenden Grundstock an flexibel einsetzbaren Nachwuchsprofessuren aufbauen. Es bedarf also einer Zuschussfinanzierung, die realistischerweise von den Ländern unter den Bedingungen der Schuldenbremse und ihrer weitreichenden Auflagen nicht erwartet werden kann.

Die Exzellenzinitiative bedeutet ein Versprechen für die Zukunft, das eine Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland in drei Feldern verheißt: den Ausbau seiner Verbundforschung, die Besserqualifizierung des Nachwuchses und die Steigerung der Strategiefähigkeit seiner Universitäten. Wenn wir diese Versprechen einlösen wollen, müssen wir den besten Köpfen nach der Promotion klare Perspektiven für einen Verbleib im deutschen Hochschulsystem bieten. Da diese Aufgabe nicht von den Ländern allein gemeistert werden kann, benötigen wir einen nationalen Strukturfonds für die Berufung herausragender Nachwuchskräfte, dessen Mittel direkt an die Universitäten fließen.

Ein solcher Fonds könnte die kontinuierlichere Beschäftigung hochbegabter Juniorwissenschaftler ermöglichen und damit auch die Attraktivität des Wissenschaftsstandorts Deutschland steigern. Es wäre eine überzeugende Fortsetzung der Exzellenzinitiative, wenn Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft mit dem Bund über die Einrichtung eines solchen Programms Einigkeit erzielen würden. Damit „Made in Germany“ in der Wissenschaft nicht nur ein Exportschlager, sondern ein Garant für die Stärkung unserer eigenen Forschungs- und Innovationsleistungen ist.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin.

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