Gastbeitrag : Von der Uni- zur Multiversität

Vom Cluster bis zum College: Jenseits der Einheit von Forschung und Lehre gehen Hochschulen neue Wege - die Mechanismen öffentlicher Drittmittelprogramme zwingen sie dazu. Der Einfluss der Fakultäten verschwindet dabei schleichend, sagt unser Gastautor Volker Meyer-Guckel.

Volker Meyer-Guckel
Volker Meyer-Guckel.
Volker Meyer-Guckel.Foto: promo

Spitzenuniversitäten, Forschungs- und Lehruniversitäten, Regionalhochschulen, duale Hochschulen – in den letzten Jahren wurde viel über die Notwendigkeit einer Ausdifferenzierung unseres Hochschulsystems und über die Evolution neuer Hochschultypen geredet. Die Wahrheit ist: Bis auf einige Ausnahmen sind sich Leitbilder, Profilierungsschwerpunkte und Zukunftsstrategien zum Verwechseln ähnlich. Kein Wunder, streben doch alle Hochschulen an die gleichen Drittmittelfördertöpfe, bietet die Grundfinanzierung zu wenig Spielraum für eine wirklich eigene institutionelle Profilierungsstrategie.

Und dennoch ist die Differenzierung in vollem Gange. Getrieben nicht von den Hochschulen selbst, sondern von den Mechanismen öffentlicher Drittmittelprogramme. Diese fördern nämlich nicht nur gute Forschung oder Lehre, sondern geben, orientiert an fachübergreifenden gesellschaftlichen Themen, immer mehr Anreize und Vorgaben für neue formale Organisationformen, in die Wissenschaftler eingebettet sind. Schaut man sich die Effekte an, so fällt auf: Die derzeitige Revolution der Differenzierung findet nicht zwischen, sondern innerhalb der Hochschulen statt. Die vielen öffentlichen Förderprogramme führen zu neuen Organisationsformen für Forschung und Lehre jenseits der klassischen, an Fächern orientierten Fakultätsstruktur.

Form folgt Funktion: Dieser organisatorische Grundsatz gilt heute an Hochschulen. Spezialisierte Einheiten übernehmen wichtige Aufgaben. Spitzenforschung? Die neue Heimat für herausragende Forscher sind Exzellenzcluster, Centers for Advanced Study und interdisziplinäre Fakultäten. Angewandte Forschung? In Public Private Partnerships und auf Forschungscampus forschen Hochschulen mit Unternehmen an aktuellen Fragen. Forschernachwuchs? Hochschulweite Doktorandenzentren und Graduiertenschulen bündeln die Verantwortung für die Promotion, die bisher in den Fakultäten verortet war.

Forschung und Lehre entwickeln sich dadurch organisatorisch auseinander. Dort die drittmittelfinanzierte Forschung, hier die grundmittelfinanzierte Lehre, die derzeit noch immer vorwiegend in den Disziplinen organisiert wird. Doch auch in der Lehre ist eine neue organisatorische Ausdifferenzierung zu beobachten. Neue Einstiegsakademien organisieren übergreifend die Studieneingangsphase, in College-Modellen werden Kompetenzen für die Bachelorausbildung gebündelt, berufsfeldorientierte transdisziplinäre Schools organisieren die Masterphase, für die wissenschaftliche Weiterbildung gibt es Centers for Lifelong Learning. Forschung und Lehre entwickeln sich neu entlang unterschiedlicher Logiken und Zieldimensionen. In solchen Modellen die viel beschworene Einheit von Forschung und Lehre aufrechtzuerhalten, ist eine akademische Herausforderung.

Multiple organisatorische Kerne an Universitäten, ausgerichtet an unterschiedlichen und teils unvereinbaren Anforderungen der Gesellschaft: Clark Kerr, ehemaliger Präsident der University of California, hat solche Universitäten bereits 1972 als „Multiversitäten“ bezeichnet. Eine Bestandsaufnahme des Stifterverbandes von neuen Organisationseinheiten zeigt, dass mittlerweile zwischen 30 und 80 Prozent der Universitäten solche quer zu den Fakultäten liegenden Forschungseinheiten etabliert haben. In der Lehre ist die Verbreitung der fakultätsübergreifenden Einheiten mit 15 bis 60 Prozent etwas niedriger. In derselben Umfrage gehen drei von vier Rektoren davon aus, dass sich Forschung und Lehre künftig noch stärker fächerübergreifend an Themen ausrichten werden. Ein Paradigmenwechsel steht der Studieneingangsphase bevor: Rund die Hälfte der Rektoren geht davon aus, dass der Start ins Studium künftig fächerübergreifend organisiert wird.

Die Anzeichen deuten darauf hin, dass wir uns in einer Übergangsphase zu einem neuen Hochschulmodell befinden. Es entstehen Multiversitäten, Hochschul-Dachorganisationen, die sich in der Forschung themen- und in der Lehre zielgruppenorientiert organisieren. Der Einfluss der Fakultäten schwindet schleichend. Unter dem Dach der Hochschule entwickeln sich die neuen Lehr- und Forschungseinheiten, die nicht länger fakultätsbasiert sind, zu weitgehend eigenständigen – und oft machtvollen – Akteuren. Die Einheiten unterscheiden sich stark in Hinblick auf Finanzierung, Träger, Personal und Funktionen. Zielorientierte Finanzierungsmodelle, die sich fachübergreifend an gesellschaftlichen Bedarfen ausrichten, unterstützen diese Entwicklung.

Am Ende wird dieser Prozess das hervorbringen, wonach viele Ausschau halten: eine Differenzierung des Hochschulsystems durch spezialisierte und profilierte Lehr- und Forschungseinheiten innerhalb der klassischen Hochschultypen Universitäten und Fachhochschulen.

- Der Autor ist stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.

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