Gastbeitrag : Wenn Lehrer zu Vorbildern werden

Wer Freude an seinem Beruf ausstrahlt und in seinen Schülern Menschen sieht, kann sie auch begeistern.

Arne Ulbricht
Arne Ulbricht ist Lehrer in Wuppertal und schreibt Bücher.
Arne Ulbricht ist Lehrer in Wuppertal und schreibt Bücher.Foto: promo/Daniel Schmitt

Dass Kinder Pilot, Profisportler oder immer häufiger „YouTuber“ werden wollen, ist eigentlich nicht erstaunlich. Denn diese Berufe verbindet man mit Abenteuer (Pilot) beziehungsweise Ruhm und viel Geld (Profisportler und YouTuber). Aber warum möchte jemand Lehrer werden?

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Abgesehen von denjenigen, die Lehrer werden wollen, weil sie mit dieser Berufswahl Sicherheit verbinden, blickt man spätestens als junger Erwachsener auf ein Schülerleben zurück, das von Lehrerpersönlichkeiten geprägt worden ist, denen man nacheifern möchte.

So war es jedenfalls bei mir, obwohl ich natürlich auch Lehrer erlebt habe, denen ich definitiv nicht nacheifern wollte, weil ich sie abgrundtief gehasst habe. Damit meine ich: Schon morgens im Bus zog sich mir, ich war dreizehn, der Magen zusammen, wenn ich an meinen Englischlehrer bloß gedacht habe. Den Tag, an dem mein Kumpel nach der Rückgabe einer Arbeit sämtliche Aufgaben an der Tafel vormachen musste, werde ich zum Beispiel nie vergessen.

"Du kannst es immer noch nicht?"

„Die Fehler hast du doch schon alle in der Arbeit gemacht! Und nun kannst du es immer noch nicht???“, sagte der Lehrer, sobald mein Kumpel wieder etwas Falsches an die Tafel geschrieben hatte.

Hätte ich nur solche gefühlslosen Lehrer gehabt, so hätte ich den Lehrerberuf nie ergriffen. Aber ich hatte zum Glück auch andere.

Mein Lehrer im Geschichte-Leistungskurs (LK) veranstaltete zum Beispiel berauschende Kurstreffen. Wir besuchten ihn und blieben bis drei Uhr nachts. Einmal fuhren wir mit ihm nach Berlin, und auf der Rückfahrt trank der ganze Kurs in einem Sechserabteil eine Palette Bier. Der LK-Lehrer, Dr. Soundso, saß und lag zwischen uns. Und im LK ging es schon einen Tag später auf höchstem Niveau weiter.

"Madame Bovary" in einem Rutsch

Und mein Lehrer im Französisch-LK wollte, dass wir „Madame Bovary“ von Flaubert so lieben wie er; deshalb ließ er uns den Roman auf Deutsch lesen. Eigentlich ein absolutes Tabu in einem Französisch-LK. Aber ich habe eben nicht schon auf der ersten Seite fünfzehn Vokabeln nachschlagen müssen, sondern ich habe „Madame Bovary“ in einem Rutsch runtergelesen und war wahrscheinlich der einzige Achtzehnjährige in Deutschland, der sich von einer Fremdgehgeschichte aus dem 19. Jahrhundert hatte in den Bann ziehen lassen. Ihm gelang es oft, uns für Literatur zu begeistern, und in meinem Fall hält diese Begeisterung bis heute an.

Er war ein Lehrerunikat

Der Lehrer, der mich am meisten prägte, begleitete mich durch meine gesamte gymnasiale Zeit. Er brüllte viel rum, aber er verzieh uns, und zwar immer. Er begann viele Sätze mit „Meine Frau hat gesagt, dass …“ oder „Meine Kinder finden aber, dass …“. Und er machte viel Kurioses. Zum Beispiel legte er während einer Klausur seine Brille auf das Pult und sagte: „Nun fühlt ihr euch hoffentlich beobachtet!“ Dann ging er Pfeife rauchen.

Er war ein Lehrerunikat und uns allen ein Vorbild, weil er in uns Menschen sah und sich selbst immer wie ein Mensch verhielt. Deshalb freuten wir uns über die Jahre hinweg immer auf seinen Unterricht.

Wahrscheinlich bin ich wegen dieser drei Lehrer Lehrer geworden. Denn alle drei haben mir durchgehend vermittelt, dass sie Spaß und Freude an ihrem Beruf hatten. Genau diesen Spaß und diese Freude weiterzugeben sollte das Ziel eines jeden Lehrers sein. Und genau das macht diesen Beruf gleichermaßen anspruchsvoll und beglückend.

Arne Ulbricht ist Lehrer für Französisch und Geschichte in Wuppertal und schreibt Bücher. Soeben erschienen: „Lehrer? Ein unverschämt attraktiver Beruf!“, Schwarzkopf und Schwarzkopf, 218 S., 9,99 Euro.

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