Gastkommentar : Alumniarbeit beginnt im ersten Semester

Von zufriedenen Studenten können Hochschulen noch lange profitieren. Die Universitäten müssen umdenken.

Arend Oetker

Es war ein weiter Weg von der Universität alten Typs zur offenen Hochschule von heute. Einst hatte sich eine kleine akademische Elite dem Dienst an der Wissenschaft verschrieben, heute steht die Universität im offenen Austausch mit der Gesellschaft und führt eine große Zahl junger Menschen zu akademischer Bildung und einer berufsbefähigenden Qualifikation. Dieser Weg ist noch lange nicht zu Ende. Und die Beziehung einer Hochschule zu ihren Absolventen, ihren Alumni, ist zugleich Indikator und Motor des Wandels.

Wir wurden in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Zeugen einer umfassenden Verwissenschaftlichung der Gesellschaft. Der enorme Bedeutungszuwachs der Wissenschaft in den letzten 50 Jahren konnte nicht ohne Folgen für die Stätten der Forschung und Lehre bleiben. Der Philosoph Jürgen Habermas schrieb dazu bereits 1969: „Der Verwissenschaftlichung der Berufs- und Alltagspraxis entspricht eine Vergesellschaftung der in Hochschulen organisierten Lehre und Forschung. Öffentliche und privatwirtschaftliche Instanzen nehmen auf dem Wege der Finanzierung und Nebenfinanzierung Einfluss auf Prioritäten der Forschung sowie auf Umfang und Proportion der Ausbildungskapazitäten. Auch die Inhalte der akademischen Lehre ändern sich natürlich im Zusammenspiel der immanenten Wissenschaftsentwicklung mit den Interessen der Berufspraxis.“

Gerade die privaten Akteure in und an den Hochschulen haben sich seit 1969 stark vermehrt. Stiftungen betreiben private Hochschulen, Unternehmen stiften Professuren, Studierende zahlen Studienbeiträge, Alumni unterstützen ihre Universität mit Spenden. Private Akteure sind so stark wie nie zuvor in Deutschland an Wissenschaft und akademischer Bildung beteiligt.

Das ist auch nötig. Private Drittmittel an Hochschulen sind allein seit 2002 um 33 Prozent gestiegen, staatliche Grundmittel dagegen um sechs Prozent gefallen. Die Länder entlassen ihre Hochschulen zwar in die Freiheit, aber es könnte eine Freiheit in Armut sein, wenn die Hochschulen sich nicht neue Finanzquellen erschließen.

Neuerdings richten sich die Hoffnungen vieler deutscher Hochschulen deshalb auf einen Beitrag dankbarer Absolventen zur Finanzierung von Forschung und Lehre. Der Blick in die USA zeigt, dass diese Hoffnung nicht ganz unbegründet sein muss. Die US-Eliteuniversität Yale hat 40 000 bis 50 000 Spender im Jahr. Rund 45 Prozent der Alumni spenden jedes Jahr. Manche können nur Kleinbeträge geben, andere spenden Millionen. Sie tun dies, weil die Hochschule ganz bewusst und gezielt eine persönliche Beziehung zu den Alumni aufgebaut hat und pflegt.

Auch hiesige Hochschulen haben seit einigen Jahren die Alumniarbeit für sich entdeckt. Die strukturierte Beziehungsarbeit zwischen einer Hochschule und ihren Absolventen ist inzwischen aus der deutschen Hochschullandschaft nicht mehr wegzudenken. Gemeinsam ist allen Initiativen, dass die Hochschulen ihre Absolventen dafür gewinnen wollen, etwas für ihre Hochschule zu tun und ihr etwas zurückzugeben. Sei es als Botschafter ihrer Hochschule, sei es als Vorbild für Studenten, sei es als Vermittler von Wissen aus der Praxis. Sei es als Ratgeber, Arbeitgeber oder Stifter, Spender und Mäzen.

Damit aber die Aufbauarbeit der Hochschulen in den Bereichen Alumnibetreuung und Fundraising wirklich von Erfolg gekrönt sein kann, müssen manche Hochschulen umdenken. Alumniarbeit kann nur erfolgreich sein, wenn sich die Absolventen gerne an ihre Alma Mater erinnern. Die Alumniarbeit beginnt, lange bevor ein Absolvent die Hochschule verlässt. Für ein erfolgreiches Fundraising werden schon am ersten Studientag die Grundlagen gelegt. Oder eben nicht.

Mit gelangweilten Professoren, überfüllten Seminaren, undurchsichtigen Studienordnungen, vergriffenen Fachbüchern kann keine Hochschule Werbung für sich machen und auf dankbare Alumni hoffen, die ihre Herzen und Geldbeutel öffnen. Deshalb ist es unerlässlich, dass ein Gedanke die ganze Hochschule durchdringt: An der Zufriedenheit der Studenten bemisst sich der Erfolg. Auch an einer Universität muss der Studienerfolg der Studenten vor den Forschungsinteressen der Professoren kommen. Wenn sich beides verbinden lässt – um so besser.

Der Autor ist Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft

0 Kommentare

Neuester Kommentar