Gastkommentar : Eine neue Chance für die FU

Millionenskandal in New York? Das wahre Problem der Freien Universität Berlin ist ihre frühere Leitung.

Hajo Funke

Im Tagesspiegel wurde unlängst unter der Überschrift „Skandal um Freie Universität. Millionenverlust in New York“ aus einem Papier der ehemaligen kommissarischen FU-Präsidentin Ursula Lehmkuhl zitiert. Da ist die Rede von Zweckentfremdung von Geldern durch die Freunde („friends“) der Freien Universität Berlin in New York, und von Verwaltungsversagen der Freien Universität. Die bisherigen internen Untersuchungen haben indes bisher weder potenziellen Steuerbetrug noch das beklagte Versagen der Verwaltung der Freien Universität ergeben.

Tatsächlich hatten die Freunde der Freien Universität Berlin in sieben Jahren etwa 1,1 Millionen an Investitionen zum Aufbau eines Kooperationsnetzes und der Einwerbung von Spenden erhalten. Sie haben tatsächlich auch bei vielen unserer Kollegen in den Vereinigten Staaten die Freie Universität bekannt gemacht. Es gab sogar trotz der anbrechenden Finanzkrise Spenden – selbst wenn die Freie Universität zu optimistisch hinsichtlich ihrer Höhe war. Man stellte den Kontakt mit 1000 Ehemaligen der Freien Universität her und erreichte, dass die Shoah-Foundation von Steven Spielberg der FU als einziger nicht-amerikanischen Universität die Nutzung ihres umfangreichen beeindruckenden Videomaterials zur Verfügung stellte. Dies hatte nachfolgend zu Drittmitteln von über drei Millionen Euro beigetragen.

Allerdings wird man fragen müssen, warum Lehmkuhl, die jetzt einen Skandal sieht, und der damalige Präsident Lenzen, ernsthaft angenommen haben, mit einer Reihe von Aktivitäten und einem jährlichen Galaessen in New York Millionenspenden einwerben zu können. Das erscheint eher als Zeichen einer gewissen Abgehobenheit und Selbstüberschätzung. Die Finanzkrise 2008 hat dem endgültig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das aber hat zu Verlusten geführt, für die die Verantwortung eindeutig bei dem bisherigen Präsidenten und seiner Vizepräsidentin liegt. Es macht daher überhaupt keinen Sinn und wird mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen, diese Verantwortung auf die Verwaltung oder sonst wen zu verschieben; das wäre der Bauer, den man opfert.

Um sich einen Reim auf den Sturm im Wasserglas machen zu können – vor allem auf die öffentlichen (Selbst-)Angriffe auf Institutionen der FU durch die kommissarische Präsidentin – , wird man auf eine gewisse Selbstherrlichkeit, eine Politik der Hierarchisierung und der Etablierung von Doppelstrukturen durch die frühere Präsidentschaft verweisen müssen. Man wollte nach innen weithin eine neue, nur dem Präsidium verpflichtete – zunächst parallele – Verwaltungsstruktur schaffen und die bisherige Verwaltung entmachten. Dazu griff man die Verwaltung an und entließ hoch qualifiziertes Personal. Darüberhinaus versuchten Lenzen und Lehmkuhl die Rolle der akademischen Selbstverwaltung und damit deren Wunsch nach Transparenz und Kontrolle auf ein Minimum zu reduzieren. Zeitweise wurden sogar die akademischen Senatssitzungen immer rarer.

Nicht mehr die selbst verwaltete und demokratisch strukturierte Universität mit einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag und entsprechender staatlicher Förderung war das Leitbild, sondern ein Top-Down-Modell, eine unternehmerische Universität, die auf private Spenden und Investoren setzte.

Zentralisierung und Intransparenz der Entscheidungen aber verstärkt gerade in Zeiten der Exzellenzkonkurrenz die Gefahr von Seilschaften, die mehr oder weniger rücksichtslos auf Ressourcen zugreifen, auf Räume und Personal, auch auf Kosten anderer. Es kommt einem die Vorstellung von „Beutegemeinschaften“ in den Sinn, und tatsächlich bezeichnen sich einige selbst so. Solche Strukturen höhlen eine Institution aus, die seit Humboldt auch immer auf eine intrinsische Motivation und eine Atmosphäre der Kooperation angewiesen ist, ja davon lebt und so erst ihre Güte erweist.

Nach den Erfahrungen der Rücksichtslosigkeit und der closed-shop-Politik braucht es daher eine Debatte über ethische Minima der Achtung der Schwächeren, eines Klimas der Rücksicht und des gegenseitigen Verständnisses und Austausches zwischen Studierenden und Lehrenden, damit im ökonomisierten Kampf um Drittmittel das Ziel der Bildung nicht vor die Hunde geht. Soll die Kernfunktion der Universität erhalten bleiben, ist eine Verständigung über das jeweilige Gemeinsame solcher Institutionen erforderlich. Die Institution der Universität sollte sich dringend wie andere gesellschaftliche Institutionen einen entsprechenden Code of conduct zulegen, der solche Exzesse eindämmt und einer Ressourcenkorruption vorbeugt.

Gegen die Politik des Präsidenten Lenzen hat sich die Universität insgesamt innerhalb des letzten Jahres immer stärker gewehrt. Inzwischen ist diese Politik Geschichte: Lenzen ist Präsident in Hamburg. Lehmkuhl hat sich selbst mit ihren Attacken auf die eigene Universität so isoliert, dass sie nicht mehr für das neue Präsidium kandidiert. Studierende wie Vertreter der Professorenschaft bestehen nicht nur im akademischen Senat, sondern FU-weit auf einer zureichenden Beteiligung und Rechenschaftslegung. So zeigt sich der „Millionenskandal“ als Nachkarten auf dem schwierigen Weg zu einem Neuanfang, einer neuen Politik und einem fairen Stil. Der neu gewählte Präsident Peter-André Alt sollte diese Chance, er muss sie beherzt nutzen.

Der Autor, emeritierter Professor für Politikwissenschaft, gehört zum links-liberalen „Dienstagskreis“ der FU Berlin

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