Gastkommentar : Kinder in die Kindergärten

Was in Berlin Kindertagesstätte heißt, ist in Frankreich die Mutterschule. Nur wenige Kinder gehen dort nicht in die Vorstufe zur Schule. In Verbindung mit einer engen Zusammenarbeit mit den Eltern können die "Professeurs" Schwierigkeiten des Kindes frühzeitig erkennen.

Dieter Lenzen[FU Berlin]

In Frankreich gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf den Besuch eines Schultyps, der in Deutschland auf eine vegetarische Metapher anspielt, den Kindergarten, der in Berlin merkwürdigerweise Kindertagesstätte heißt. Das Wort kultiviert die Vorstellung vom Kind als Pflanze und dem Erwachsenen als Plantagenbesitzer.

In Frankreich heißt dieselbe Einrichtung, auf deren Besuch jedes französische Kind ab dem zweiten Lebensjahr einen Anspruch hat, École maternelle – Mutterschule. Das Wort gab es in der Barockpädagogik des Comenius auch hierzulande schon einmal, wird heutzutage aber peinlich vermieden, denn Schulen sind teurer im Unterhalt als Vorgärten und Kindergärtner billiger als gar akademisch ausgebildete Lehrer.

Es gibt praktisch kein dreijähriges französisches Kind, das keine École maternelle besucht. 35 Prozent aller Zweijährigen sind auch schon dabei. Das Personal genießt eine staatliche Ausbildung und die Berufsbezeichnung „Professeur“. Sie kommunizieren kontinuierlich mit den Eltern über das „Cahier de vie“, das „Lebensheft“, in welches das Kind schreibt, malt, „berichtet“, was es in der Schule tut, so dass die Eltern auf dem Laufenden sind. Das heißt: Sie sehen, wie die École mit den Kleinen den Lehrplan bis zum fünften Lebensjahr bearbeitet, der sich sehr auf die Vermittlung von Sprachkompetenzen in jeder erdenklichen Form konzentriert.

Gerade dadurch werden frühzeitig Schwierigkeiten des Kindes identifizierbar. Das Kind lernt das Lernen und erwirbt eine Arbeitshaltung, auf die Berliner Gymnasiallehrer bei ihren Schülern nicht selten noch vergebens warten. Über 80 000 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in den Écoles maternelle, 2,5 Millionen Kinder besuchen sie, wenn die Kinder in die Primarschule gehen, können sie alle Buchstaben lesen und schreiben und besitzen ein elementares Verständnis von Zahlen bis 20.

Die durch die École entlasteten Mütter haben einen leichteren Zugang zu beruflicher Arbeit und entschließen sich häufiger, mehr als ein Kind zu haben. Zu dieser Art der Einrichtung gibt es auch in Deutschland im Grunde keine Alternative. Die Einwände kann man mitliefern und entkräften beziehungsweise bestätigen: Es entstehe eine Distanz zu den Eltern. Richtig, aber keine emotionale, sondern eine solche der wachsenden Autonomiefähigkeit, auf die es künftig ankommen wird. Und: Ein solches System ist teuer. Auch richtig. Etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr. Man kann es auch sein lassen und 20 Millionen Schlafsäcke für die Alten kaufen, die wegen einer schlecht ausgebildeten nachwachsenden Generation nächstens obdachlos sein werden.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten. In der kommenden Zeit blickt er auf das Bildungswesen im Ausland.

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