Gastkommentar : Nicht jeder kann studieren

Jeder, der das Zeug dazu hat, sollte studieren. Doch unser Gastkommentator George Turner sieht auch Probleme im verstärkten Werben fürs Studium. Und das hat nicht zuletzt mit politischer Korrektheit zu tun.

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Der Mangel an Fachkräften in der Industrie wird zunehmen. Die einen wollen dies durch Zuwanderung beheben, die anderen durch Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen. Beides wird das Problem nur in Maßen entschärfen. Unternehmen klagen darüber, dass freie Stellen nicht mit Auszubildenden besetzt werden können. Zwar gäbe es Bewerber; diese genügten aber zu oft nicht den Anforderungen. Auf der anderen Seite wird dafür geworben, dass 50 Prozent der jungen Menschen eine Hochschulausbildung aufnehmen. Dabei wird nicht nach Fächern unterschieden, die mutmaßlich Nachwuchs brauchen. Hauptsache studieren – egal was.

Alles, was gefordert wird, ist nur bedingt richtig; auf jeden Fall passt es nicht zusammen. In der Tat verlassen Jugendliche die Schule, ohne ausbildungsfähig zu sein. Der Schule dafür die Verantwortung zu geben, ist billig und falsch. Den gestiegenen Anforderungen in Wirtschaft und Industrie sind manche einfach nicht gewachsen. Die Tragik ist, dass es für sie möglicherweise an Beschäftigungsmöglichkeiten mangelt. Einfache Arbeit ist knapp – und es entspricht nicht der political correctness, zuzugeben, dass es auch Menschen gibt, deren Befähigung limitiert ist.

Wenn die Hälfte der in Betracht kommenden Altersgruppe studiert, wird die Zahl der Abbrecher, Langzeitstudenten und Überqualifizierten zunehmen. Man hat die Klagen der Professoren noch in den Ohren, dass ein bestimmter Prozentsatz nicht studierfähig ist. Da helfen weder Hochschuldidaktik noch ein verschultes Studium. Andere werden sich unverhältnismäßig lange an den Hochschulen aufhalten und jedenfalls in dieser Zeit keinen Beitrag für das Sozialprodukt leisten. Wieder andere werden sich mühsam durch das Studium quälen und danach, weil ihr Abschlusszeugnis vielleicht nicht viel wert ist, eine ihrer formalen Qualifikation nicht adäquate Tätigkeit aufnehmen müssen. Aus den letzten drei Gruppen ließen sich wahrscheinlich Fachkräfte auf mittlerem Niveau rekrutieren – am besten bevor sie Umwege gegangen sind.

Damit es keinen Zweifel gibt: Jeder, der das Zeug dazu hat, sollte studieren. Entsprechend ausgebildete „Fachkräfte“ sind ebenfalls gefragt. Bei begründeten Zweifeln an der Studierfähigkeit sind andere Wege für die Betroffenen und die Gesellschaft ratsamer und preiswerter.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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