Gastkommentar : Opas Universität ist tot

Wieder einmal wird lauthals der Untergang der Universität beklagt: Die Studierenden besetzen Räumlichkeiten und nennen das Streik, die Professoren jammern darüber, dass der Bachelor keine akademische Ausbildung ermögliche. Als ob es zuvor, als das Diplom den Abschluss bildete, anders gewesen wäre.

George Turner



Überlange Studienzeiten (12 bis 13 Semester), das hohe Alter beim Studienabschluss (28 Jahre im Durchschnitt) und eine hohe Abbrecherquote von bis zu 30 Prozent in einigen Fächern waren exakt die Gründe, die zu einer Reform des Studiums mit dem Regelabschluss Bachelor geführt haben. Wenn jetzt gefordert wird, alle Absolventen mit Bachelorabschluss müssten auch die Möglichkeit haben, nach einem anschließenden Studium den Master zu erwerben, bedeutete die Umsetzung, dass die Probleme bleiben.

Ein Wechsel aber ist geboten, weil sich die Universität, beziehungsweise ihre Akteure und Klienten, geändert haben. Innerhalb von vier Jahrzehnten ist der Anteil der Studierenden von fünf Prozent der relevanten Altersgruppe auf über 40 Prozent gestiegen. In absoluten Zahlen: von 300 000 auf rund zwei Millionen. Bezüglich der Professoren bedeutet der Ausbau der Hochschulen eine Expansion von 5000 auf annähernd 40 000.

Die veränderten Größenordnungen erforderten ein anderes Ausbildungssystem. Mit dem Bologna-Prozess ist es endlich in Gang gekommen: Nach sechs bis acht Semestern wird der Bachelor als Regelabschluss erworben; Studierenden mit der entsprechenden Befähigung steht der Weg zum Master offen. Das ist das Prinzip, das in allen Industrienationen anerkannt und praktiziert wird.

Wenn in Deutschland versucht wird, an der Universität von vor 50 Jahren anzuknüpfen oder sie aufrechtzuerhalten, hängen die Verfechter einer Illusion an. Diese Universität gibt es schon lange nicht mehr. Opas Universität ist tot. Schleichend ist sie überwunden oder kämpferisch ausgezehrt worden. Da waren nicht nur die zum Teil selbstzerstörerischen Debatten um Partizipation und „Demokratisierung“, sondern auch das Festhalten an überkommenen Ausbildungszielen, die den dramatisch veränderten Zahlen nicht gerecht wurden. Mit dem Bachelor werden andere Absolventen entlassen, als es die Akademiker zu Zeiten der „alten“ Universität waren. Dies scheinen viele Beteiligte nicht wahrhaben zu wollen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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