Gedenken an Elisabeth Schmitz : Eine Berliner Studienrätin im Widerstand

Die couragierte Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz’ schrieb 1935 eine aufrüttelnde Denkschrift gegen die Judenverfolgung. Sie versuchte die Kirche aufzurütteln - vergebens.

Manfred Gailus
Eine Frau sitzt an einem Tisch vor einem aufgeschlagenen Buch.
Couragiert. Die Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz versuchte, wenigstens die Bekennende Kirche dazu zu bewegen, sich...Foto: Promo

Anfang September 1935 überreichte die Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz einem namentlich nicht genannten Pfarrer ihre Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“. Der aus Gründen der Konspiration nicht beim Namen genannte Pfarrer dürfte Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gewesen sein, deren Bekenntnisgemeinde Schmitz angehörte. Die promovierte Historikerin schrieb ihr Memorandum zu einem Zeitpunkt, als eine neue Welle nationalsozialistischer Gewalt gegen Juden durch das Land ging. In Berlin fanden antijüdische Krawalle auf dem Kurfürstendamm statt, direkt vor der Haustür der Gedächtniskirche.

Schon 1933 bat sie um Hilfe für die Entrechteten

Notgedrungen hatte Schmitz ihren brisanten Text anonym verfasst und übergab ihn nun – im Vorfeld der Mitte September 1935 beschlossenen „Nürnberger Rassengesetze“ – einem führenden Pfarrer der Kirchenopposition mit der Absicht, die Bekennende Kirche (BK) möge sich als Ganze für die Verfolgten einsetzen. Bereits seit April 1933 hatte Schmitz prominente Theologen und Kirchenführer aufgefordert, die Kirche möge für die Entrechteten und Verfolgten ihre Stimme erheben – vergeblich.

Jetzt schildert Schmitz die „Aufhetzung der öffentlichen Meinung“. Sie berichtet über antijüdische Gewalt und zitiert Reden prominenter NS-Führer. Sie informiert über rassistische Maßnahmen und Kundgebungen im Gesundheitswesen und der Ärzteschaft. Ihre Sensibilität an dieser Stelle war besonders ausgeprägt, da ihre Freundin, die „nichtarische“ Ärztin Martha Kassel, ihre berufliche Existenz verloren hatte. Schmitz zitiert ferner die unsäglichen Auslassungen des Brandenburger Oberpräsidenten Wilhelm Kube über die ,Verjudung‘ des Kulturlebens. Faktisch war Kube Vorgesetzter der im Staatsdienst stehenden Studienrätin.

Was wird aus einem Volk, das solche Martyrien duldet?

Das Gewerbe des Ehrabschneiders und Verleumders, kommentiert Schmitz, gelte seit jeher als das erbärmlichste und verächtlichste. Unter „Folgen der Verhetzung“ schildert sie die Lage der Kinder. Die Lehrerin versammelt hier Erlebnisse aus ihrem Schulalltag. Ein Lehrer habe in seiner Schulklasse immer wieder die Kinder aufgerufen: Wer ist „nichtarisch“? Er habe das einzige „nichtarische“ Kind aus einer angesehenen evangelischen Familie immer wieder gezwungen, aufzustehen. Es musste von der Schule genommen werden. Was, fragt Schmitz, solle nur aus den Seelen dieser Kinder werden und was aus einem Volk, das solche Kindermartyrien dulde?

Schmitz beschreibt auch die Folgen der NS-Gesetzgebung: Existenznot durch Entlassungen infolge des Berufsbeamtengesetzes, wirtschaftliche Not durch Boykott der Geschäfte. Hier sei ein wütender Konkurrenzkampf entbrannt, in dem der Schwächere brutal zu Boden getreten werde. Es sei keine Übertreibung, mahnt Schmitz schon 1935, wenn von einem Versuch der Ausrottung des Judentums gesprochen werde. Schließlich fragt Schmitz: „Warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein?“

"Es geht um die Existenz von Hunderttausenden"

Vermutlich kursiert das anonyme Papier anfangs nur in wenigen Exemplaren. Schmitz schreibt eine Ergänzung „Folgen der Nürnberger Gesetze“ und stellt 200 Exemplare der erweiterten Schrift her, die sie reichsweit an kirchliche Stellen verteilt. Im Nachtrag berichtet sie über die Praxis der „Nürnberger Gesetze“ im Alltag: Ehe, Reichsbürgergesetz, Schule und Kinder, Arierparagraf in der Wirtschaft. Sie charakterisiert die deutschen Verhältnisse als „kalten Pogrom“ und belegt die übergroße Sterblichkeit in jüdischen Gemeinden mit konkreten Zahlen. Bezugnehmend auf die Osterbotschaft der BK, in der das Wort für die „Ehre des Wehrlosen“ ergriffen wurde, schlussfolgert sie kritisch: „Hier aber geht es längst schon nicht mehr um die Ehre. Es geht um die Existenz von Hunderttausenden, es geht um das nackte Leben.“

Schmitz verweigerte den Schuldienst aus Gewissensgründen

Diese Schrift stellte die NS-Politik an einem zentralen Punkt, der Rassenpolitik, fundamental infrage. Auch Dietrich Bonhoeffer kannte den Text und schickte ihn an einen befreundeten Pfarrer in London. Die Wirkungen indessen waren begrenzt: Keine der vielen von Schmitz informierten Stellen der Kirchenopposition wagte es, damit an die Öffentlichkeit zu treten.

Nach dem Novemberpogrom 1938 weigerte sich die Lehrerin aus Gewissensgründen, weiterhin in der Schule eines Staates zu unterrichten, dessen Regierung die Synagogen in Brand stecken lasse. Zusammen mit ihrer vor der Emigration stehenden Freundin Martha Kassel hörte sie eine Woche nach dem Pogrom die Bußtagspredigt von Helmut Gollwitzer in Dahlem. Nach der Predigt schreibt sie dem Pfarrer: So, und nur so, könne und dürfe nach allem, was geschehen sei, eine christliche Gemeinde zusammenkommen. „Als wir zum 1. April 33 schwiegen, als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze in der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte ,Gesetze‘, zu den Methoden von Buchenwald – da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938.“

Riskantes Schreiben an die Schulverwaltung

Nach Ankündigung der Regierung sei die völlige Trennung zwischen Juden und Nichtjuden geplant, Gerüchte gingen um, dass ein Zeichen an der Kleidung beabsichtigt sei, schreibt Schmitz. „Ich bin überzeugt“, schließt sie, „dass mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet.“

Durch ein riskantes Schreiben an die Schulverwaltung beantragte Schmitz Ende Dezember 1938 ihre Versetzung in den Ruhestand, da sie aus Gewissensgründen den Unterricht in ihren “rein weltanschaulichen Fächern” Religion, Geschichte und Deutsch nicht weiter so erteilen könne, wie der NS-Staat dies von ihr erwarte. Sie wurde zum 1. April 1939 im Alter von 45 Jahren frühpensioniert. Sie engagierte sich nun, mehr noch als zuvor, im Rettungswiderstand. Schmitz wusste bald sehr genau, welches Schicksal die „Evakuierten“ im Osten erwartete. Im November 1943 brannte ihre Wohnung Luisenstraße 67 nach Bombentreffern aus. Schmitz zog sich in ihr Elternhaus nach Hanau zurück. Nach dem Krieg kehrte sie dort noch einmal in den Schuldienst zurück.

Yad Vashem ehrte sie als "Gerechte unter den Völkern"

Von ihrer Denkschrift sprach sie in der Öffentlichkeit nicht. In der Berliner Kirche, die weithin von antisemitischen Deutschen Christen beherrscht wurde, gehörte sie zu den wenigen Klarsichtigen, die widerstanden. Nach dem Krieg war sie dort für viele Jahrzehnte vergessen. Eine angemessene Würdigung erfuhr Schmitz zeitlebens nicht. Sie starb 1977 im Alter von 84 Jahren.

Das Rätsel um die Verfasserschaft der anonymen Denkschrift konnte erst um das Jahr 2000 aufgelöst werden. Seither wird Schmitz für ihr mutiges Wirken im „Dritten Reich“ geehrt. 2011 anerkannte die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Schmitz als „Gerechte unter den Völkern“.
Am Montag, 23. November 2015, findet um 20 Uhr in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine Veranstaltung zur Würdigung der Denkschriftautorin statt, bei auch der Autor dieses Artikels, Manfred Gailus, sprechen wird. Daniela Schadt, Lebensgefährtin von Bundespräsident Gauck und wie Elisabeth Schmitz gebürtige Hanauerin, wird den Abend mit einem Grußwort eröffnen.

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