Gefährlicher Erreger : Ehec-Ermittlungen im Fluss

Erst das Gemüse, dann die Sprossen, später das Abwasser – wobei sich dieser Verdacht nicht bestätigte. Jetzt streiten Experten darüber, ob die gefährlichen Ehec-Erreger ins Trinkwasser geraten könnten.

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Klares Wasser. Der Ehec-Erreger wurde bisher nicht im Trinkwasser gefunden.
Klares Wasser. Der Ehec-Erreger wurde bisher nicht im Trinkwasser gefunden.Foto: dpa

Erst das Gemüse, dann die Sprossen, später das Abwasser – wobei sich dieser Verdacht nicht bestätigte. Nun ist das Trinkwasser an der Reihe. Das Nahrungsmittel könnte mit Ehec-Erregern verunreinigt werden. Das suggeriert der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe und zitiert den Direktor des Hygiene-Instituts der Uniklinik Bonn, Martin Exner, mit den Worten: „Die Gefahr durch eine mikrobiologische Belastung des Trinkwassers wurde bisher absolut unterschätzt.“

Im Weiteren wird ein Bericht aus dem Bundesgesundheitsministerium von 2008 zitiert, wonach von 120 000 Proben aus Wasserwerken in 128 Fällen Escherichia-coli-Bakterien nachgewiesen wurden. Jener Mikrobenfamilie, zu der auch der Ehec-Erreger gehört, der in den vergangenen Wochen mehr als 3800 Menschen infizierte und 45 tötete.

Das Pikante: Exner wurde in dem Magazin nicht nur als Hygienefachmann zitiert, sondern auch als Vorsitzender der Trinkwasserkommission am Umweltbundesamt (Uba), die aus 14 Experten aus verschiedenen Institutionen besteht. Offensichtlich entsprach Exners Einschätzung nicht der Mehrheitsmeinung der Kommission. Noch am Sonntag konterte das Uba mit folgender Mitteilung:  „Für Trinkwasser kann eine Gefahr durch den Ehec-Ausbruchsstamm ausgeschlossen werden.“ Die Behörde beruft sich auf „intensive Beratungen“ der Trinkwasserkommission am vergangenen Mittwoch. Um Ehec-Infektionen über das Trinkwasser herbeizuführen, „müsste ein Brunnen in einer Gegend mit vielen Erkrankten direkt mit Abwasser in Kontakt stehen – angesichts der abebbenden Erkrankungswelle ist das nicht zu erwarten.“

Dietmar Petersohn, Leiter des zentralen Labors der Berliner Wasserbetriebe und ebenfalls Mitglied der Trinkwasserkommission bezeichnet die mögliche Gefahr einer Ehec-Infektion durch das Trinkwasser als „Panikmache“. „100-prozentige Sicherheit kann man nie haben, aber das Szenario ist mehr als unwahrscheinlich“, sagt er. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er in der Berliner Wasserversorgung. Er kann sich an keinen Fund von E. coli im Trinkwasser erinnern. „Wohlgemerkt die Bakterienfamilie E. coli allgemein, das Auftreten von Ehec ist also noch unwahrscheinlicher.“ Petersohn begründet das mit den verschiedenen Reinigungsstufen. Zunächst werde ein Teil der Keime im Abwasser entfernt und lande im Klärschlamm. Der wiederum wird in Berlin direkt verbrannt oder zur Biogasproduktion genutzt. Die Reste der Gasproduktion werden deponiert, weil sie zu viel Kupfer enthalten.

„Über das gereinigte Abwasser kommen weitere Keime in die Flüsse“, erläutert Petersohn. „Die werden aber dort verdünnt.“ Versickert das Wasser an der Uferböschung, gelangen sie in weitere natürliche Filter, ehe sie das Grundwasser erreichen. „In den oberen Bodenschichten werden E.coli-Keime von anderen Mikroorganismen gefressen, der Rest bindet an die feinen Partikel im Boden.“ Es dauere mehr als hundert Tage, bis das Flusswasser die Brunnen erreiche. Auf dem Weg werde es sicher gereinigt. „Das belegen die zahlreichen Messungen, die wir mehrmals pro Woche in den Wasserwerken und im Netz der Stadt machen.“

Ist das Ufer weniger feinsandig als in Berlin, strömt das Wasser schneller hindurch und könnte eher gefährliche Keime enthalten. Mit dieser Gefahr seien vor allem die Wasserwerke entlang des Rheins konfrontiert, sagt Petersohn. Aber dann gebe es noch die Möglichkeit, mit UV-Strahlen oder mittels Chlor die Erreger abzutöten. „Da das Wasser regelmäßig kontrolliert wird, kann schnell reagiert werden – und zwar in jedem großen Wasserwerk in Deutschland“, fügt er hinzu. Alles in allem erachtet er das deutsche Trinkwasser weiter als sicher.

Der Bonner Hygiene-Fachmann Exner ist inzwischen ebenfalls ein Stück zurückgerudert. Mit der Stellungnahme des Umweltbundesamts stimme er im Prinzip überein, sagte er dem Tagesspiegel am gestrigen Montag. Es gebe keinen Hinweis, dass das Trinkwasser durch den Erreger kontaminiert sei, doch andere E-coli-Stämme wurden gefunden. Es gelte, gewappnet zu sein. Die Trinkwasserkommission müsse vorsorgen.

Auch andere Fachleute mahnen zur Vorsicht. Weil derzeit viele Menschen den Erreger ausscheiden, könne man nicht ausschließen, dass er sich in unserer Umwelt bereits eingenistet hat, wiederholte in den vergangenen Wochen mehrfach auch Exners Kollege Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene der Uni Münster. Karch leitete die kürzlich im „Lancet“ publizierte Studie zur Erforschung des Ehec-Genoms. Um vernünftige Strategien zum Schutz vor dem neuartigen E. coli-Bakterium zu entwickeln, laufen derzeit unter seiner Leitung an fünf Standorten in Deutschland Untersuchungen, in denen überhaupt erst einmal ermittelt wird, wie lange Menschen ihn nach einer Erkrankung noch ausscheiden.

Ob die Zahl der Erkrankten genügt, so viele Ehec-Erreger in die Umwelt zu bringen, dass es einige von ihnen bis in die Wasserwerke schaffen, werden die nächsten Monate zeigen. Für Berlin jedenfalls sieht Petersohn keine Gefahr und verweist auf die verschiedenen natürlichen Barrieren, den Verdünnungseffekt, die relativ geringe Zahl der Erkrankten und die häufigen Wasserkontrollen.

Gleichwohl fordern die Fachleute der Trinkwasserkommission, Wasserwerke mit geringem Ausstoß schärfer zu beobachten. Denn dort wird das Wasser gemäß Trinkwasserverordnung seltener untersucht. Je nachdem, wie viel Wasser ins Netz gespeist wird, sind teilweise nur acht, vier oder gar eine Untersuchung pro Jahr erforderlich.

Gerade bei kleineren Anlagen und in bestimmten Gegenden mit Hausbrunnen sind in der Vergangenheit zeitweilig E. coli gefunden worden, heißt es in der Uba-Mitteilung. Zwar handele es sich bei E. coli oft um harmlose Darmbewohner. Im Trinkwasser zeigen sie an, dass möglicherweise auch andere Krankheitserreger vorkommen könnten. „Deshalb ist eine Verbesserung der Überwachung in diesem Bereich mittelfristig notwendig“, mahnt das Uba.A. Müller-Lissner/R. Nestler

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