Gefährlicher Fußball : "Stress setzt Hormone frei"

Die Kardiologin Ute Wilbert-Lampen spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über die Gefahr von Herzattacken beim EM-Fernsehen.

Frau Wilbert-Lampen, warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Herzinfarkt und Fußball?

Grundsätzlich wissen wir, dass Stress Hormone freisetzt, die unterschiedliche Organfunktionen angreifen können. Wir untersuchen zwei Arten von Zellen, die bei der Entstehung der Arteriosklerose eine Rolle spielen. Das sind einerseits die Endothelzellen, die die Blutgefäße innen auskleiden, und andererseits eine Sorte von Zellen, die im Blut vorkommen, die Monozyten. Wir haben diese Zellen im Labor quasi mit Stresshormonen geimpft und uns angeschaut, wie sie im Vergleich mit nicht-gestressten Zellen arbeiten. Dabei haben wir Veränderungen bei Vermittlerstoffen, Mediatoren, festgestellt, die beim akuten Infarkt eine Bedeutung haben. In unserer WM-Studie wollten wir nun schauen, was im wirklichen Leben in einer Situation passiert, in der viele Menschen unter Stress stehen. Unsere Hypothese, dass es mehr Infarkte und Herzrhythmusstörungen geben müsste, hat sich anhand der Daten von der WM 2006 bestätigt.

Über die Gründe können Sie bisher nur spekulieren?

Wir gehen dem weiter nach: Wir haben von Patienten, die im Rahmen der WM 2006 einen Infarkt hatten, Blutproben entnommen, um zu schauen, was bei ihnen in den Zellen passiert. Wir wollen genauer verstehen, welche Mechanismen eine Rolle spielen. Daraus könnte sich irgendwann auch eine Therapieempfehlung ergeben.

Könnten nicht auch ganz banale Dinge wie erhöhter Bedarf an Zigaretten, Bier, Wein und Chips eine Rolle dabei spielen, wenn das Herz am Fußballabend streikt?

Rauchen ist der klassische Risikofaktor, der direkt am Blutgefäß wirkt, das muss man sicher mitberücksichtigen – es ist schließlich eine Gefahr, die man vermeiden kann! Wenn Sie dagegen nur an den Fernsehabenden mehr Chips essen, spielt das akut keine Rolle. Und die meisten, die ein Spiel aufmerksam verfolgen, trinken währenddessen Wein oder Bier eher in verträglichen Mengen. Da schützt das Glas Wein oder Bier ja eher.

Sammeln Sie während der EM eigentlich weiter Daten?

Ja, wir nutzen die Gelegenheit und sammeln Daten, allerdings für eine andersgeartete Studie: Wir wollen uns diesmal direkt die Ausprägung und die charakteristischen Merkmale von Herzinfarkten anschauen, die sich im Rahmen einer solchen Meisterschaft bei Zuschauern ereignen.

Welche Ratschläge leiten Sie einstweilen aus Ihrer Arbeit für Fußballfans ab, die schon wissen, dass sie Herzprobleme haben? Oder sollte man sicherheitshalber aufs Fernsehen verzichten?

Nein, jeder sollte Fußball schauen können. Unsere Empfehlung ist, immer wieder zusammen mit dem Arzt zu überprüfen, ob man eigentlich die richtigen Medikamente in der richtigen Dosierung nimmt – und sie dann wirklich zu nehmen! Und man sollte die Anzeichen der Angina pectoris kennen und wissen, dass es nicht immer Schmerzen in der linken Brust sind, sondern manchmal auch untypische Symptome, im Bereich des Rückens, des Magens, des Halses oder der Zähne. Alles, was akut anders ist als sonst, sollte man ernst nehmen.

Während der EM können Patienten und Ärzte Ihrer Klinik die wichtigen Spiele beim „Patient Viewing“ in einem großen Hörsaal des Klinikums verfolgen. Ist das denn gut für die Gesundheit?

Die Patienten mit Herzproblemen, die hier im Haus sind, sind medikamentös gut eingestellt, das ist ein Riesenvorteil. Während der WM habe ich allerdings auch schon einmal einem Patienten, zu dem ich akut gerufen wurde, geraten, auf den Rest des Spiels zu verzichten! Generell ist Fußball als positives Gemeinschaftserlebnis aber sicher auch gut für die Gesundheit. Der beste Umgang mit den Stresshormonen besteht darin, sich auch als Zuschauer ein wenig zu bewegen und für Entspannung zu sorgen – in der Halbzeit und nach dem Spiel. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es schön ist, nach dem Spiel nach draußen zu gehen und andere zu treffen, die in einer ähnlichen Stimmung sind.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner

UTE WILBERT-LAMPEN ist Ärztin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Sie hat herausgefunden, dass das Zuschauen bei Fußballspielen zur Gefahr werden kann.

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