Wissen : Geist des Neuanfangs

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Foto: ddp

Natürlich spielte der Nimbus der ältesten Alma Mater Berlins eine Rolle, als 1991 die ersten „Westprofessoren“, darunter auch ich, den Ruf an die Humboldt-Universität annahmen. Diese Hochschule war rasch nach ihrer Gründung zu der deutschen Reformuniversität aufgestiegen, die sich dem neuhumanistischen Ideal der Allgemeinbildung verschrieben hatte. Den Höhepunkt ihres weltweiten Ansehens erreichte die Universität um 1900 – just in der Zeit, in der sie nach den berüchtigten Worten des damaligen Rektors 1870, also nur kurz nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, das „geistige Leibregiment des Hauses Hohenzollern“ sein sollte.

Im Ersten Weltkrieg kam dieser Ausspruch der Wirklichkeit nahe. Auch in der Weimarer Republik hätte man die Universität gewiss nicht als liberal bezeichnen können. Die Unterordnung unter die Vorgaben des Nationalsozialismus bis hin zur Vertreibung aller jüdischen und linksstehenden Professoren und Studenten fiel ihr nach 1933 nicht sonderlich schwer. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte bald die Verdrängung aller, die sich gegen das Wissenschaftsverständnis des Marxismus-Leninismus auflehnten.

Der Neuanfang nach 1990 bot die Chance, an das Erbe der Reformer zu Beginn des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen. Forschend lernen, exemplarische Vertiefung statt flächendeckender Stoffansammlung: Ich erinnere mich gern an die intensiven Diskussionen, die wir am Institut für Geschichtswissenschaften führten. Ich wünsche der Humboldt-Universität, dass sie dem Geist dieses Neuanfangs verpflichtet bleibt.

Heinrich August Winkler war von 1991 bis 2007 Professor für Geschichtswissenschaften an der HU.

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