Geisteswissenschaften : Das System Luhmann

Der Soziologe gehört heute zu den Klassikern. Er verfasste fast 400 Aufsätze und publizierte 60 Bücher.

Detlef Horster
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Niklas Luhmann. -Foto: dpa

Angesichts seiner Produktivität könnte man vor Bewunderung in ohnmächtige Starre verfallen. Niklas Luhmann, den Jürgen Habermas und Otfried Höffe einen „scharfsinnigen Gesellschaftstheoretiker“ und „brillanten Soziologen“ nannten, hat fast 400 Aufsätze und mehr als 60 Buchpublikationen zur Politik, zur Organisationstheorie und zur Wissenssoziologie verfasst. Das Zentrum seiner Systemtheorie bildet seine Gesellschaftstheorie, die erst nach seinem Tod vollständig erscheinen konnte. Neun Bände sind es geworden. „Was machen Sie eigentlich, wenn Sie gerade kein Buch schreiben“, fragte einst ein wissbegieriger Journalist. Die Antwort war: „Dann schreibe ich ein anderes Buch.“

Bei seiner Antrittsvorlesung in Bielefeld hatte Niklas Luhmann 1967 angekündigt, dass sein Forschungsprojekt die Entwicklung einer Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft sei. Er wolle sie in 30 Jahren fertigstellen und das ohne Kosten, was die Universitätsspitze mit Erleichterung aufnahm. In der Folgezeit hat Luhmann die wichtigsten gesellschaftlichen Subsysteme erforscht. Sie bestehen nach seiner Ansicht unabhängig voneinander, erhalten sich selbst, sind gleichrangig und nicht wie in der hierarchisch gegliederten Gesellschaft nach dem Corpus-Modell strukturiert, mit der Politik als Kopf, der lenkt. Von der – wie er so gern sagte – „alteuropäischen Gesellschaftsauffassung“, nach der die Politik eine gänzliche Umwälzung der Gesellschaft bewirkt, distanzierte Luhmann sich.

Die Politik ist ein gesellschaftliches Subsystem neben anderen, die Luhmann alle in einzelnen Büchern dargestellt hat. 1984 erschien die „Einleitung“ der Gesellschaftstheorie unter dem Titel Soziale Systeme, mit fast 700 Seiten Umfang. Im Anschluss erschienen die einzelnen „Kapitel“, mit einem der Einleitung vergleichbaren Umfang: Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988), Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), Das Recht der Gesellschaft (1993), Die Kunst der Gesellschaft (1995), Die Politik der Gesellschaft (postum 2000), Die Religion der Gesellschaft (postum 2000), Das Erziehungssystem der Gesellschaft (postum 2002).

Alle diese Systeme grenzen sich selbsterhaltend von ihrer Umwelt und von den anderen Systemen ab und wahren so ihre Identität und Eigenständigkeit. Wenn Systeme, seien es gesellschaftliche Teilsysteme wie die Wirtschaft oder eine konkrete Grundschule, nicht mehr funktionierten, dann folgen auf die entstehenden Probleme Strukturänderungen. Sie führen entweder zum Erhalt des Systems oder zu neuen Problemen. Die soziale Evolution entscheide!

Bei seiner Arbeit war Luhmann mit Freude am Werk. Wäre er nicht in Lüneburg geboren, könnte man meinen, er sei eine rheinische Frohnatur gewesen: „Ich bin bestrebt in jedes Buch einen Unsinn hineinzuschmuggeln.“ Der gelungenste war wohl der, dass er als Beleg für eine These das Buch zitierte, in dem er die These gerade aufstellte.
Zur Soziologie kam der studierte Jurist in Harvard, wo er Talcott Parsons begegnete. „Als Jurist ist man mit Problemen konfrontiert und muss sie lösen. Auf die Dauer wird das langweilig, weil sich alles wiederholt“, hat Luhmann erklärt. „Dann fragt man sich, wie trotz aller Probleme gesellschaftliche Ordnung möglich ist und sich immer wieder herstellt.“ Das wurde Luhmans Leitfrage.

Sein Lehrer Parsons hatte der Nachwelt eine gigantische Ruine genialer Geistesproduktion hinterlassen, in der man sich wie in einem Labyrinth verirrt. Luhmann wollte – Parsons als warnendes Beispiel vor Augen – ein systematisch gegliedertes und somit zugängliches Werk hinterlassen. Auch von anderen soziologischen Klassikern setzte Luhmann sich ab. Émile Durkheim wies er nach, dass seine Theorie nicht die funktional differenzierte Gesellschaft der Jetztzeit beschreibe, sondern die hierarchisch gegliederte Vorgängergesellschaft erfasse.

Heute, fast zehn Jahre nach seinem Tod, gehört Luhmann unbestritten selbst zu den Klassikern, denn er hat realisieren können, was er in seiner Antrittsvorlesung ankündigte: Seine Theorie ist keine normative, sondern eine nüchterne, unbefangene Würdigung der Wirklichkeit, die die Gesellschaft so beschreibt, wie sie ist. Luhmann war der Auffassung, dass die Soziologie die Beschreibungsfähigkeit der Gesellschaft zu steigern habe und sonst nichts. Der Titel von Luhmanns Abschiedsvorlesung im Jahre 1993 war die Fragestellung seiner Forschungen: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“ Morgen wäre Luhmann 80 geworden.

Der Autor ist Professor für Sozialphilosophie an der Universität Hannover.

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