Geisteswissenschaften : Wer gegoogelt wird

"Wir müssen nicht um jeden Preis in den Medien sein." Die deutschen Geisteswissenschaften tun sich schwer mit den Medien. Eine Berliner Diskussion.

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Erika Fischer-Lichte, FU-Professorin.
Erika Fischer-Lichte, FU-Professorin.Foto: Promo

Um herauszufinden, wie populär die eigene wissenschaftliche Person und Forschung ist, benötigt es keine komplizierte Studie. Man gebe einfach seinen Namen (und wahlweise den des Kollegen vom Büro nebenan) bei Google ein und schaue auf die Trefferzahl. Erika Fischer-Lichte, Theaterwissenschaftlerin an der FU, bringt es auf 24 500 Ergebnisse. Zum Vergleich: Der Durchschnittsprofessor liegt bei drei- bis achttausend Treffern, Stephen Hawking schafft 2,5 Millionen.

So unwissenschaftlich diese Methode ist, so unbestreitbar ihr Fünkchen Wahrheit. Sie gibt nicht Aufschluss über die Qualität der Forschung, sondern über das Maß, in dem diese Forschung mithilfe der Medien in den öffentlichen Raum transportiert und dort rezipiert wurde. Im Dahlem Humanities Center der Freien Universität kamen kürzlich Vertreter aus Forschung und Medien zusammen, um ebendies zu diskutieren: Welchen Status haben die Geisteswissenschaften in den alten und neuen Medien?

„Die Rolle der Geisteswissenschaften in den Medien wird als Defizitdebatte geführt“, befand Klaus Siebenhaar, Direktor des FU-Instituts für Kultur- und Medienmanagement. Es gebe eine „Depressionsrhetorik“ und Abneigung gegen die Medien bei gleichzeitigem Sichtbarkeitsbedürfnis der Geisteswissenschaften. „Uns behindert die deutsche intellektuelle Urangst, im Mediengeschäft seine Seriosität zu verlieren“, sagte Siebenhaar. Das sei in Großbritannien oder den USA ganz anders – dort gehöre es zum akademischen Tagesgeschäft, sich als Professor in die Verfilmung eines Hollywood-Epos einzumischen oder ein leicht verständliches Buch über Shakespeare zu schreiben. Siebenhaar kritisierte, es sei problematisch, „wenn sich Forschung hierzulande allein auf die Wissenschaftsseite der ,FAZ’ zurückzieht“. Es brauche konkrete Vorstellungen, wie Forschung öffentlichkeitswirksam vermittelt werden könne.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion zeichnete sich ein weiteres spezifisches Problem für viele geisteswissenschaftliche Fächer ab, nämlich ihre „Unsinnlichkeit“. Während beispielsweise die Archäologie fotogene Gegenstände übermitteln könne, seien die Ergebnisse seiner Forschung weniger unmittelbar nachvollziehbar und praxisrelevant, sagte Joachim Küpper, Romanist und Sprecher des Dahlem Humanities Center. Auch Erika Fischer-Lichte gab zu bedenken, dass es in geisteswissenschaftlicher Forschung selten zu konkret benennbaren Ergebnissen käme, die in kurzen Meldungen an die Presse gebracht werden könnten. „Wir müssen nicht um jeden Preis in den Medien sein“, sagte sie, „sondern überlegen, wo das Erarbeitete sinnvoll und interessant für die Öffentlichkeit ist.“ So erzählte Küpper, dass sein Blick auf die derzeitige Migrationsdebatte maßgeblich von seinem Wissen um europäische Integrationsgeschichte geprägt sei. „Da können wir durchaus Antworten geben, nur müssen wir uns aus unserem Elfenbeinturm auch heraustrauen.“

Sigrid Löffler, Journalistin und Literaturkritikerin, bedauerte ein nachlassendes Interesse vonseiten der Medien an geisteswissenschaftlichen Debatten und Diskursen. 1977 etwa habe Rudolf Augstein im Spiegel einen achtseitigen Artikel über die Dissertation „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit gebracht. So etwas sei inzwischen undenkbar, sagte Löffler: „Es gibt heute einen anti-intellektuellen Impuls“, der Feuilletonseiten und Buchbeilagen in den Tageszeitungen schrumpfen lasse.

Man dürfe jedoch auch die indirekte Bedeutung der Geisteswissenschaften für die Medien nicht unterschätzen, sagte Günter Müchler, Programmdirektor des Deutschlandfunks. „Kein Tag vergeht, ohne dass wir in der Redaktion auf die Geisteswissenschaften zurückgreifen, um die Welt und das Zeitgeschehen zu erklären.“ Angesichts der Informationsflut im Internet würden geisteswissenschaftlich ausgebildete Journalisten immer unverzichtbarer, um das angehäufte Wissen zu filtern und zu vermitteln.

Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, appellierte an die Wissenschaftler: „Seien Sie sich nicht zu schade, sich einzumischen, sich uns als Marke zu verkaufen. Wir brauchen Interviews mit dem Kafka-Forscher zum Thema Bürokratieabbau oder ein Statement vom Hegelianer zu Google.“ Doch diese werden sich im Anschluss an die Veranstaltung eher wieder dem Manuskript ihres neuesten Buches zugewandt haben als ihrem Marktwert. Anna-Lena Scholz

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