Genetik : Evolution à la carte

Horrsorszenario oder Heilsversprechen? In der synthetischen Biologie wollen Forscher Leben im Labor erschaffen.

Kai Kupferschmidt
Protozelle
Leben 2.0. In der synthetischen Biologie geht es manchen Forschern darum, Organismen neu zu konstruieren. Die Grafik zeigt eine...Foto: SPL/Focus

Wenn man die Genetik mit einer Treppe vergleicht, dann standen Francis Crick und James Watson ganz unten, als sie die Struktur des menschlichen Erbgutes entschlüsselten. Nun schicken sich Forscher an, die oberste Stufe zu betreten, indem sie im Labor Gene gewissermaßen am Reißbrett entwerfen. „Synthetische Biologie“ nennt sich das Feld, in dem es letztlich darum geht, Leben aus chemischen Bausteinen völlig neu zusammenzusetzen. Die Grundlage dafür: Zwar ist es schon lange möglich, DNS, die Substanz des Erbgutes, künstlich herzustellen. Die Technik wird aber immer besser, und so wird es nun realistisch, Baustein für Baustein das Erbgut eines einfachen Organismus im Labor nachzubauen oder aber ein ganz neues Erbgut zu entwerfen. Die DNS kann dann in eine Zelle gegeben werden. So entstünde ein völlig neues Lebewesen, eine Art zweite Genesis.

Für höhere Organismen ist das noch Jahrzehnte entfernt, aber jüngste Erfolge bei Mikroorganismen zeigen, was bereits möglich ist. So haben Wissenschaftler von der staatlichen Universität New York 2002 das komplette Genom des Poliovirus nachgebaut und damit Mäuse infiziert. Und einer Forschergruppe um den berühmt-berüchtigten Genforscher Craig Venter gelang es im vergangenen Jahr, das fast hundertmal größere Genom von Mycoplasma genitalium künstlich herzustellen. Schon vorher hatte Venter gezeigt, dass er das Genom einer Bakterienart in die Hülle einer anderen überführen und so ein lebensfähiges Bakterium erzeugen konnte. Nun will er diese beiden Schritte zusammenbringen.

Nicht zuletzt diese Fortschritte haben die Leopoldina, die Akademie der Technikwissenschaften und die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewogen, nun gemeinsam eine Stellungnahme zur synthetischen Biologie zu veröffentlichen. „Wir wollten möglichst frühzeitig auf die Öffentlichkeit zugehen und eine breite Diskussion beginnen“, sagte Volker ter Meulen, der Präsident der Leopoldina, am Montag in Berlin. Die Erfahrungen bei anderen Themen wie etwa der grünen Gentechnik hätten gezeigt, dass es sonst schwieriger werde, eine sachliche Debatte zu führen.

Auch in der synthetischen Biologie stehen sich Heilsversprechen und Horrorszenarien, Chancen und Risiken gegenüber. So hoffen Forscher, Zellen zu erschaffen, die Arzneimittel oder andere Chemikalien herstellen. Sogenannte „Minimalzellen“, die nur die Gene besitzen, die zum Überleben dringend nötig sind, sollen als eine Art „Chassis“ dienen. Diesem Zellskelett könnten dann durch weitere Gene jeweils die gewünschten Eigenschaften verliehen werden, eine Art Setzbaukasten für lebende Zellen.

Auch eine neue Art der Impfung wird angepeilt, bei der dem Patienten künstliche DNS gespritzt wird. Bestimmte Teile eines Krankheitserregers würden dann vom Körper selbst produziert und dem Immunsystem präsentiert. Impfstoffhersteller müssten dann nicht mehr Eiweiße im großen Maßstab herstellen und reinigen. Das könnte zum Beispiel im Kampf gegen HIV neue Wege eröffnen.

Im angelsächsischen Raum, wo die Debatte über die synthetische Biologie bereits läuft, sehen Kritiker vor allem Risiken für die nationale Sicherheit. So wird häufig auf die Gefahr verwiesen, Bioterroristen könnten neue Krankheitserreger erschaffen oder alte wieder zum Leben erwecken. Auch Volker ter Meulen sieht darin ein Problem: „Wir werden zum Beispiel immer gegen Polio impfen müssen, weil dieser Erreger im Labor so leicht erzeugt werden kann.“

Gesetzlichen Handlungsbedarf sehen die Autoren der Stellungnahme aber nicht. Die Risiken der gegenwärtigen Forschung seien durch bestehende Regeln angemessen erfasst. So sei etwa der kommerzielle Erwerb von DNS-Sequenzen durch das Infektionsschutzgesetzt oder auch das Kriegswaffenkontrollgesetz eingeschränkt.

Die größte Rolle wird in Deutschland wohl ein anderes Argument spielen: Dass der Mensch sich zum Schöpfer aufspiele und damit ethische Grenzen überschreite. Dass er gewissermaßen den Respekt vor dem Leben zerstöre. Ob sich darüber eine sachliche Auseinandersetzung führen lässt, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen.

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