Genetik : Gentherapie zeigt erste Erfolge bei neurodegenerativer Erkrankung

Behandlungsansatz nutzt HIV, um Genmaterial in ALD-Patienten einzuschleusen.

Declan Butler

Zwei Kinder mit einer neurodegenerativen Erkrankung zeigen erste Anzeichen des Erfolgs einer neuartigen Gentherapie, berichten Wissenschaftler.
Die Ergebnisse nähren Hoffnungen auf eine Behandlung der Adrenoleukodystrophie (ADL) und stellen, so fügen die Forscher hinzu, die erste erfolgversprechende Nutzung abgeschwächter HI-Viren als Vektor, um Gene in die Zellen von Patienten einzuschleusen, dar.
HIV stellt einen viel versprechenden Vektor dar, um Gene in einen Wirt einzuschleusen - es kann direkt in den Zellkern vordringen, wodurch es theoretisch eine effektive Methode darstellt, neues Genmaterial einzubringen. Bis jetzt hatte es sich jedoch nicht in klinischen Testreihen bewiesen. Dieser frühe Erfolg öffnet nun potenziell Türen für bessere Behandlungsansätze bei vielen Krankheiten, die das Knochenmark und die Blutzellen betreffen, wie Leukämie, Thalassemie und Sichelzellanämie, sagen die Wissenschaftler.
Die Ergebnisse der Behandlung zweier siebenjähriger spanischer Kinder mit ADL wurden am 28. Oktober auf dem 15. Kongress der European Society of Gene and Cell Therapy in Rotterdam vorgestellt.
ADL wird durch eine Mutation auf dem X-Chromosom hervorgerufent. Diese Mutation verursacht eine Degeneration der isolierenden Nervenhüllen, die Neurone umgeben. Die Erkrankung wurde durch den Hollywood-Film "Lorenzos Öl" berühmt, der von einer Familie handelt, die um das Leben ihres Sohnes kämpft. Die gefährlichste, zerebrale Form der ADL betrifft einen unter 17.000 Menschen, Zweidrittel der Betroffenen sind Kinder. Die Krankheit schreitet zu Beginn langsam fort, erfolgt jedoch keine Knochenmarktransplantation, kann sie schnell voranschreiten und zu Hirnschäden und somit zum Tod führen.
Derzeit sind die Behandlungsmöglichkeiten auf diätische Maßnahmen und Knochenmarktransplantationen beschränkt, wobei ein Mangel an Spendergewebe besteht.

Worte der Warnung

Patrick Aubourg und Natalie Cartier, Wissenschaftler bei Inserm (französisches Institut für Gesundheitswesen und medizinische Forschung), die am Saint Vincent Hospital in Paris arbeiteten, gelang es, den Chromosomendefekt mittel Gentherapie zu beheben. In Zusammenarbeit mit der kalifornischen Biotech-Firma Cell Genesys isolierten sie hämatopoetische Knochenmarkszellen der Kinder - aus denen Blutzellen entstehen - und schleusten mithilfe des HI-Virus das normale Gen in die Zellen ein.
Anschließend zerstörten sie mit einer Chemotherapie das Knochenmark der Kinder und verabreichten ihnen dann die modifizierten Zellen, die binnen eines Monats neues Knochenmark und Blutzellen zu bilden begannen. Entnommene Proben zeigten, dass die Hälfte der neuen Zellen das eingeschleuste Gen enthielt und 20-30 Prozent das korrigierte Protein exprimierte. Derart hohe Expressionsraten sind "außergewöhnlich", sagt Aubourg. Die Spiegel bleiben für mehr als zwei Monate stabil, trotz des Umstands, dass die betreffenden Zellen alle 24 Stunden vom Körper erneuert werden.
Aubourg betont nachdrücklich, dass trotz der ermutigenden ersten Ergebnisse Vorsicht geboten sei. Die Kinder müssen engmaschig beobachtet werden, um die Sicherheit der Prozedur zu überwachen, wobei das größte Risiko darin besteht, dass sie als Resultat einer möglichen Mutagenese beim Gentransfer eine Leukämie entwickeln könnten. Viele frühere Forschungsreihen zur Gentherapie mussten wegen erster Nebenwirkungen abgebrochen werden.
Es ist weiterhin ein 18-monatiger Follow-up nötig, bevor das Team sicher sein kann, dass der Gentransfer nachhaltig erfolgreich war und die korrigierten Proteine auf einem Level exprimiert werden, der ausreicht, damit die Kinder keine Krankheitssymptome entwickeln. Beiden Kindern geht es bislang so gut, wie man es auch nach einer normalen Knochenmarktransplantation erwarten könnte, fügt Aubourg hinzu.
Aubourg verkündete die Ergebnisse bereits vor der Publikation, da aufseiten der auf diesem Arbeitsgebiet Tätigen ein breites Interesse an der Nutzung abgeschwächter HI-Viren als Vektoren in der Gentherapie anderer Erkrankungen besteht. Angesicht ihrer höheren Effektivität würde der Beweis ihrer Nutzbarkeit einen "Durchbruch in der Gentherapie darstellen", sagt er.
Die Interessierten schnell zu informieren war legitim, sagt Laurence Tiennot-Herment, Präsidentin der französischen Muskeldystrophie-Assoziation, die Aubourgs Arbeit über ein Jahrzehnt unterstützt hat. "Aber wir müssen abwarten und sehen, noch liegt keine Publikation vor und es gibt einige Punkte zu bedenken, darunter die Sicherheit", fügt sie hinzu. "Im Moment bin ich sehr vorsichtig, aber ist ein wichtiger Schritt."

Dieser Artikel wurde erstmals am 30.10.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news2007.204. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben