Genetik : Schizophreniegene von der Evolution „bevorzugt“

Gensequenzen, die mit der Erkrankung assoziiert sind, zeigen Merkmale natürlicher Selektion.

Michael Hopkins

Eine Untersuchung von Gensequenzen des Menschen sowie von Primaten lässt vermuten, dass Gene, die bei der Schizophrenie eine Rolle spielen, von der natürlichen Selektion bevorzugt wurden. Die Entdeckung legt nahe, dass Gene, die mit dieser psychiatrischen Erkrankung assoziiert sind, einen gewissen Vorteil hatten, durch den sie überdauerten - auch wenn keineswegs klar ist, worin dieser Vorteil bestanden haben könnte.
Wissenschaftler unter der Leitung von Bernard Crespi von der Simon Fraser University in Burnaby, Kanada, untersuchten 76 DNA-Sequenzen, die mit der Schizophrenie assoziiert sind. Sie vergleichen die menschlichen Sequenzen untereinander sowie mit denen von Primaten, wie Schimpansen und Makaken, Mäusen, Ratten, Rindern und Hunden.
Von diesen 76 untersuchten Sequenzen zeigten 28 Anzeichen für Bevorzugung bei der natürlichen Selektion. Sie wiesen weniger Variationen als Kontrollsequenzen aus anderen Breichen des Genoms auf und waren im Zuge der zufälligen Neukombination während der sexuellen Fortpflanzung offenbar weniger bunt zusammengemischt worden. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass die mit Schizophrenie assoziierten Gensequenzen einen evolutionären Vorteil mit sich gebracht haben, erläutern die Forscher in Proceedings of the Royal Society B (1).

Überdauernde Erkrankung

Die Gendaten geben keinen Hinweis auf die Art des evolutionären Vorteils. "Das ist die große Frage und wir haben keine wirkliche Antwort darauf", räumt Crespis Kollege Steve Dorus von der University of Bath in Großbritannien ein.
Nichts desto weniger könnten die Ergebnisse erklären warum die Schizophrenie - die vererbt werden kann und üblicherweise mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Paranoia einhergeht - überdauert hat und nicht durch die Evolution ausgemerzt wurde. Man geht davon aus, dass von dieser schweren Erkrankung etwa ein Prozent der Bevölkerung weltweit irgendwann in ihrem Leben betroffen ist.
Einige Erbkrankheiten bringen für den Betroffenen gleichfalls einen Nutzen. Die Genmutation, die zystische Fibrose verursacht, zum Beispiel schützt ihre Träger gleichzeitig vor Cholera. Menschen, die die Genmutation, die Sichelzellanämie verursacht, tragen, haben damit gleichzeitig die Immunität gegen Malaria ererbt.
Die Vorteile, die Schizophrenie mit sich bringt, aufzudecken, dürfte schwierig werden, denn bislang sind die genetischen Grundlagen der Erkrankung kaum erforscht. Sie wird möglicherweise von mehreren hundert Genen verursacht, von denen jenes einen winzigen Effekt hat. Einige Mutationen bedingen zwar die Disposition zu Schizophrenie, was sie darüber hinaus tun, ist allerdings unbekannt. "Das Bild ist nicht klar - die genetischen Grundlagen der Schizophrenie wurden 20 Jahre lang vernachlässigt", kommentiert der Neurowissenschaftler David St. Clair von der University of Aberdeen, Schottland.
Psychiatrische Studien lassen vermuten, dass Patienten mit Schizophrenie kreativer oder phantasievoller sein könnten als die Normalbevölkerung, was die Möglichkeit birgt, dass so genannte Schizophreniegene dabei halfen, Überlebensfragen zu lösen oder Partner anzuziehen.
Für definitive Schlussfolgerungen zu dieser Theorie ist es zu früh, sagt Dorus. "Vom genetischen Standpunkt betrachtet sind Verbindungen zwischen Schizophrenie und Kreativität immer noch eher dürftig", erklärt er. Das Problem, sagt er, besteht darin, dass selbst Experten nicht wissen, wie Gene kreative Neigungen beeinflussen.
Das Problem wird dadurch vergrößert, dass so viele Gene an der Erkrankung beteiligt sind und sie von Population zu Population variieren. Lediglich vier der untersuchten Gensequenzen zeigten Anzeichen natürlicher Selektion in mehr als einer Population.
Dies legt nahe, dass verschiedene Gene in unterschiedlichen Populationen im Zuge der Evolution bevorzugt wurden, auch wenn Schizophrenie weltweit vorkommt. Es legt ebenfalls nahe, dass diese Mutationen Gegenstand natürlicher Selektion waren, nachdem die Menschheit vor 60.000 Jahren begonnen hatte, sich über die ganze Erde zu verteilen.

(1) Crespi, B., Summers, K. & Dorus, S., et al. Proc. R. Soc. B doi:10.1098/rspb.2007.0876 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 5.9.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070903-6. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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