Gentechnik : Die zarte Pflanze Zukunft

In einer Denkschrift warnen Wissenschafter davor, die grüne Gentechnik durch Verbote immer weiter einzuengen.

Hartmut Wewetzer
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Ins Labor verbannt. Wenn es nach CSU-Chef Horst Seehofer ginge, würden Versuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen künftig...Foto: p-a/dpa

Ihre Entrüstung über die Politik kann Christiane Nüsslein-Volhard nur schwer verbergen. Das Verbot des „Genmais“ der Sorte Mon 810 und die nur eingeschänkte Zulassung der Kartoffelsorte „Amflora“ sei ein „wirklich erschreckendes und abstoßendes Signal“, findet die Tübinger Biologin und Nobelpreisträgerin. Gemeinsam mit Vertretern aus Forschung und Landwirtschaft stellte sie am gestrigen Mittwoch eine Denkschrift zur grünen Gentechnik vor, in der davor gewarnt wird, die Forschung auf diesem Gebiet immer weiter einzuengen.

„Das hatten wir alles schon einmal vor 25 Jahren“, sagte Nüsslein-Volhard. Damals sei in Deutschland die „rote“ medizinische Gentechnik stark an der Entfaltung gehindert worden. Es habe 14 Jahre gedauert, bis die gentechnische Insulinherstellung bei der Firma Hoechst genehmigt wurde. Wissenschaftler und Pharmaindustrie seien ins Ausland ausgewandert, der ökonomische Schaden sei „riesig und folgenschwer“ gewesen. „Statt aus den Fehlern zu lernen, werden sie wiederholt.“

Ohne seinen Namen zu nennen, kritisierte die Wissenschaftlerin den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer. Der bayerische Ministerpräsident gilt als treibende Kraft hinter dem „Genmais“-Verbot. Kein Unternehmen dürfe in die Schöpfung eingreifen, hatte Seehofer zur Begründung gesagt. Nüsslein-Volhard wies darauf hin, dass die herkömmliche Züchtung Pflanzen seit Beginn der Landwirtschaft vor 11 000 Jahren „genetisch stark verändert“ habe. „Das Getreide, aus dem ,Unser täglich Brot’ gebacken wird, ist ein durchaus künstliches Produkt.“

Als Anlass für das Genmais-Verbot waren Untersuchungen an Marienkäfern und Wasserflöhen angeführt worden. Sie deuteten nach Ansicht des Landwirtschaftsministeriums auf ein Risiko durch gentechnisch veränderten Mais hin.

Diese Tests seien aber „vollkommen wirklichkeitsfremd“, kritisierte Nüsslein-Volhard. Es gebe „unzählige sorgfältigste Untersuchungen“ von EU, Deutscher Forschungsgemeinschaft und Forschungsministerium, in denen keine Gefahren festgestellt wurden.

„Mehr als 20 Jahre Erfahrung mit der grünen Gentechnik und der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen haben keine konkreten und wissenschaftlich fassbaren Anhaltspunkte für eine Gefahr für Mensch und Umwelt ergeben“, sagte Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die DFG hat die Denkschrift zusammen mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) veröffentlicht.

Die jüngsten politischen Entscheidungen seien aus Sicht der Wissenschaft „in keiner Weise nachvollziehbar“, sagte Kleiner. Den Versuchsanbau für transgene Amflora-Kartoffeln zuzulassen, sei zumindest ein „Hoffnungsschimmer“.

Deutschland dürfe nicht den Anschluss an das internationale wissenschaftliche Niveau verlieren, forderte Kleiner. „Die Forschungsfreiheit darf keinem Wahlkampf zum Opfer fallen.“

Die grüne Gentechnik könne nicht alle Probleme lösen, aber sie sei ein wichtiges Instrument, um die Menschheit künftig mit Nahrung zu versorgen, sagte Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der DLG. 2050 werden etwa neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, jeden Tag kommen 200 000 Menschen hinzu. Die Welternährungsorganisation FAO prognostiziere, dass die Lebensmittelproduktion in den 20 Jahren um ungefähr 50 Prozent ansteigen müsse, um die Welternährung sicherzustellen. „Erkenntnisse nicht zu nutzen, kann schuldig machen, an unseren Kindern und der Weltgemeinschaft“, sagte Bartmer.

Gesunde Ernährung, umweltfreundliche Energieerzeugung und die Bewältigung des Klimawandels seien Zukunftsthemen, bei deren Bewältigung die grüne Gentechnik einen wichtigen Beitrag leisten können, heißt es sinngemäß in der Denkschrift „Forschung in Freiheit und Verantwortung“.

Wissenschaftler, Forschungseinrichtungen und Unternehmen würden sich in Deutschland aber zunehmend gezwungen sehen, ihre Forschungsvorhaben einzuschränken oder aufzugeben. Ein Grund dafür seien Feldzerstörungen, die seit Jahren zunähmen. Allein 2008 seien 25 Felder zerstört worden.

In dem Memorandum werden verlässliche politische und rechtliche Rahmenbedingungen gefordert, die auf wissenschaftlich fundierten Nutzen-Risiko-Abwägungen basieren sollten. Die grüne Gentechnik brauche ein aufgeschlossenes Klima und müsse auch im Freiland erforscht werden. Derzeit sei aber in der Politik eine „an Sachargumenten orientierte Linie nicht vorhanden“.

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