GENTESTS : Angst vor der Zeitbombe in den Körperzellen

Gentests sind die früheste Form der Früherkennung. Längst werden sie auch im Internet angeboten – etwas Speichel und einige hundert Dollar reichen aus, um ein umfassendes Risikoprofil zu bekommen. Es geht um erblichen Brust-, Darm- und Prostatakrebs. Um Multiple Sklerose, Diabetes und Alzheimer.

Bei familiärer Häufung genetisch bedingter Krankheiten sind solche Tests sinnvoll. Wer weiß, dass er mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an Brustkrebs erkranken wird, kann mit häufigen Kontrollen oder aber mit einer vorbeugenden Operation reagieren. Viele Genvarianten erhöhen das Risiko aber nur minimal. Mit den Befunden und der Angst bleibt der Betroffene anschließend allein.

„Die richtige Risikovermittlung geht nur im persönlichen Gespräch und nicht über das Internet. Es ist unverantwortlich, Patienten ohne Grund zu beunruhigen“, sagt Markus Nöthen, Direktor des Humangenetischen Instituts der Uni Bonn. Das Schlimmste sei, wenn Patienten schließlich mit ihren Ängsten vor unwägbaren genetischen Risiken allein gelassen werden.

Und genau da liegt die Gefahr: Gentests werden in wenigen Jahren billige Massenware sein. Sie werden immer mehr Krankheitsrisiken vorhersagen. Meist wird es sich um ein geringfügig erhöhtes Risiko handeln. Aber wie geht der Mensch damit um, mit einer gering erhöhten Wahrscheinlichkeit, irgendwann Lungenkrebs zu bekommen? Oder gar Alzheimer, für den es keinerlei Behandlungs- oder Vorbeugemöglichkeit gibt?

Es gibt keine belastbaren Zahlen darüber, ob und wie oft solche Ängste zu wirklichen Erkrankungen führen – auch weil die Forschung fehlt. Nocebo ist ein Stiefkind der Wissenschaft, ganz im Gegensatz zum Placebo. Aber wenn schon das vage Wissen um mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten dazu führt, dass diese Nebenwirkungen eintreten – um wie viel mehr muss die Angst vor einer genetischen Krankheit, die lebenslang wie eine Zeitbombe in jeder Körperzelle lauert, krank machen? hei

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