Geologie : Auf Java sprudelt weiter Schlamm aus der Erde

Der Schlamm, täglich 100.000 Kubikmeter, schießt seit zwei Jahren aus der Vulkanerde. Ist die Natur oder eine Bohrung die Ursache?

Moritz Kleine-Brockhoff
Java
Gedenken. Opfer des Schlammvulkans werfen Blüten auf das zerstörte Land. -Foto: AFP

JakartaWie lange „Lusi“, wie die Indonesier im Osten der Insel Java ihren Schlammvulkan nennen, noch spuken wird, kann niemand sagen.

Die Schäden schätzt die Regierung auf zwei Milliarden Euro. 6,5 Quadratkilometer wurden mit der hellbraunen Brühe überschwemmt. Dörfer, Fabriken, Schulen und Moscheen versanken. 36 000 Menschen verloren ihre Heimat.

Über die Ursachen des Ausbruchs gehen die Meinungen unter den Experten auseinander. Die einen machen ein Erdbeben verantwortlich, das sich am 27. Mai 2006 südlich der Stadt Yogyakarta ereignete. 140 000 Häuser stürzten ein, Straßen brachen auf, 5800 Menschen starben. Das Epizentrum lag vor der Küste im Meer. Die Stärke wird zwischen 5,9 und 6,3 auf der Richterskala angegeben. Dutzende Nachbeben folgten.

Doch die Schlammeruption könnte auch durch eine Bohrung verursacht worden sein, als am 28. Mai 2006 250 Kilometer nördlich des Epizentrums Mitarbeiter der Firma Lapindo in 2834 Meter Tiefe nach Erdgas suchten. Plötzlich traten Wasser und Gas ins Bohrloch. Experten nennen das „Kick“. Die Ingenieure stellten die Bohrung ein.

Tags darauf brach 200 Meter neben dem Bohrloch die Erde auf. Heißer Matsch sprudelte, der Schlammvulkan Lusi war geboren. Die stinkende Brühe stammt aus 2000 bis 3000 Metern Tiefe.

1000 Betonkugeln sollten den Vulkan verstopfen – vergeblich. Nun leiten neue Dämme und Kanäle einen Teil der Soße in einen Fluss. Die Umweltorganisation Greenpeace befürchtet „irreversible ökologische Folgen“, hat aber auch keinen besseren Rat.

Die Forscher sind uneins. „Der Ausbruch scheint durch Bohrung in porösem, unter Druck stehenden Kalkstein ausgelöst worden zu sein. Stein zerbrach, Schlamm und Wasser arbeitete sich an die Oberfläche“, schrieb der britische Geologie-Professor Richard Davies (Universität Durham) im Januar 2007. Der Italiener Adriano Mazzini, ein Geologe der Universität Oslo, widersprach. Der Schlamm enthalte keinen Kalkstein. Lusi liege auf einer geologischen Bruchlinie, was typisch für Schlammvulkane sei. „Dies deutet auf ein Beben hin. Lusis Ausbrüche scheinen im Zusammenhang mit seismischer Aktivität zu stehen“, urteilte Mazzini. Sein Kontrahent Davies entgegnete, das Beben sei zu schwach und zu weit weg gewesen, um eine Rolle zu spielen. „Wir sind sicherer denn je, dass Lusi durch Bohrung ausgelöst wurde“, schreibt er in seiner Studie.

Polizeiermittler fordern, dass die Firma strafrechtlich wegen Fahrlässigkeit belangt werde. Der Staatsanwalt lehnt das mit Hinweis auf die konträren wissenschaftlichen Aussagen ab. Zudem wiesen Richter Zivilklagen von Umweltgruppen gegen die Firma Lapindo ab, der Schlamm sei ein „natürliches Desaster“.

Pikant ist, dass Lapindo zur Zeit des Lusi-Ausbruches Sozialminister Aburizal Bakrie gehörte. Der laut „Forbes“ mit 2,9 Milliarden Euro reichste Mann Indonesiens hatte den Wahlkampf von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono mit finanziert. „Es war nicht Lapindo, es war das Erdbeben“, sagte Bakrie, „obwohl wir nicht verantwortlich sind, stellen wir 420 Millionen US-Dollar zur Verfügung.“ Mit den umgerechnet 271 Millionen Euro, 14 Prozent des Schadens, soll die Sache für Lapindo erledigt sein. Präsident Yudhoyono erließ ein Dekret, das Lapindos Beitrag begrenzt. Die Bohrfirma soll sich nun nur um Umsiedlungen und Schlammabfluss kümmern. Für die anderen Schäden kommt der Staat auf. Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta

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