Geowissenschaften : Puzzle der Kontinente

Vor 100 Jahren stellte Alfred Wegener seine Theorie von der Verschiebung der Erdplatten vor. Die Fachkollegen waren empört und es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Idee durchsetzte.

Bernhard Mackowiak
Alfred Wegener
Alfred WegenerFoto: picture alliance / dpa

Dass Südamerika und Afrika irgendwann einmal zusammengehört haben, zeigt bereits ein Blick auf eine Weltkarte. Es ist die Wanderung der Kontinente, die sie voneinander getrennt hat, wie heute jeder weiß. Zu verdanken ist dieses Wissen Alfred Wegener (1880–1930). Der Meteorologe und Privatdozent für kosmische Physik behauptete das zum ersten Mal heute vor 100 Jahren auf der Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung zu Frankfurt am Main: Die Gestalt der Erdoberfläche, die Verteilung der Kontinente und Ozeane, würde sich stetig ändern, weil die Kontinente wanderten. Die Oberfläche, wie wir sie heute kennen, sei aus einem zerbrochenen Urkontinent hervorgegangen. Demnach bilden dessen einzelne Schollen die heutigen Kontinente.

Die versammelten Geowissenschaftler waren empört. Denn Wegener widersprach grundlegend der herrschenden Theorie. Sie besagte, dass durch Abkühlung und Zusammenziehen des Erdkerns die äußere Kruste eingebrochen sei. So hätten sich Berge gehoben, seien in den Senken Ozeane entstanden und hätten die früheren Landbrücken unter Wasser gesetzt. Würde diese Theorie stimmen, müssten zum Beispiel die Gebirge gleichmäßig über die Erdoberfläche verteilt sein. So wie sich bei einem verschrumpelten Apfel Furchen und Kanten abwechseln. Doch das ist nicht der Fall. Eine Wanderung der Kontinente konnte das Kartenbild viel besser erklären.

Wegener führte verschiedene Argumente an. So wies er darauf hin, wie ähnlich sich bestimmte Gesteinsformationen in Indien, Madagaskar und Ostafrika sind oder dass Fossilien der Samenfarngattung „Glossopteris“ sowohl in Afrika als auch Brasilien zu finden sind. Er glaubte damals optimistisch, renommierte Forscher würden sich durch den Vortrag schnell von seinen Ideen überzeugen lassen. Er gab den alten Denkansätzen noch höchstens zehn Jahre. 1915 veröffentlichte er die erste Fassung seines Hauptwerkes „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“. Aber das Interesse war, wohl auch wegen des Ersten Weltkrieges, gering. 1922 erschien die dritte, neu bearbeitete Auflage. Sie machte die Kontinentverschiebungstheorie international bekannt und steigerte die schon in Deutschland herrschende Ablehnung noch weiter.

In einem Punkt war die Kritik nicht unbegründet: „Wegener konnte keine Kräfte oder Mechanismen benennen, die stark genug gewesen wären, um die Verschiebung der Kontinente zu bewerkstelligen“, sagt Reinhard Krause, Wissenschaftshistoriker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. „Man wusste einfach zu wenig über den Zustand und die Dynamik des Erdinnern.“

Heute haben die Forscher ganz andere Möglichkeiten: Satelliten messen die Verformung der Oberfläche, über Bohrungen lassen sich zumindest die oberen Schichten erkunden und die Daten der Seismografen erlauben eine Art Tomografie der Erde. Inzwischen ist klar: Im Untergrund gibt es gewaltige Hitzeströme, die die Erdplatten mit bis zu 20 Zentimetern pro Jahr über den Globus schieben.

All diese Belege fehlten Wegener. Er war dennoch von seinen Thesen überzeugt und suchte nach weiteren, vor allem klimatischen Beweisen im grönländischen Eis. Dort starb er im November 1930, wahrscheinlich an Herzversagen.

Erst die 1960er Jahre brachten seine Rehabilitierung. Geomagnetische Untersuchungen bestätigten nicht nur die von ihm postulierte Kontinentverschiebung, sondern führten zur heute grundlegenden geowissenschaftlichen Theorie der Plattentektonik, mit der auch Vulkanismus, Erdbeben und Gebirgsbildung erklärt werden können. So gilt Wegener im Grunde als „Vater der Plattentektonik“. „Rückblickend darf man ihn aber auch als den ,Kopernikus der Geowissenschaften‘ bezeichnen“, sagt Krause, „denn er hat unser Bild von der Erde revolutioniert und dafür am Anfang eine Menge Spott und Häme in Kauf genommen.“

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