Gerangel um Jüdische Studien : Reisen des Potsdamer Rabbiners ärgern Brandenburg

Thüringen will die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät vorantreiben. Doch in Brandenburg sei man weiter, heißt es dort. Die Ministerin ärgert sich über Rabbiner Homolka, der den Druck auf das Land verstärkt.

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Im Namen der Thora. Potsdam und Erfurt konkurrieren um eine Fakultät.
Im Namen der Thora. Potsdam und Erfurt konkurrieren um eine Fakultät.Foto: ZB

Thüringen zeigt sich entschlossen, eine Jüdische Fakultät aufzubauen. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) habe sich am gestrigen Mittwoch mit dem Rektor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, Walter Homolka, über erste Schritte dazu „einvernehmlich verständigt“, erklärte Regierungssprecher Peter Zimmermann in Erfurt. „Es soll zügig vorangehen.“ Einzelheiten wie die Finanzen müsse nun eine Arbeitsgruppe klären, hieß es.

Damit sollen offenbar die brandenburgische Landesregierung und die Universität Potsdam weiter unter Druck geraten. Homolka hatte zunächst gefordert, dort eine jüdisch-theologische Fakultät zu gründen, um die Ausbildung von Rabbinern und jüdischen Religionslehrern institutionell zu sichern. „Was fehlt, sind die strukturellen Voraussetzungen im Land Brandenburg, um einen eigenen Fachbereich effektiv aufzubauen“, erklärt Homolka auf der Homepage seines Kollegs.

Das Land und die Uni haben sich mittlerweile deutlich zur Fakultätsgründung bekannt. So läuft das Gesetzgebungsverfahren an, um Voraussetzungen für konfessionsgebundene Berufungen im Land Brandenburg zu schaffen. Und Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) will Haushaltsmittel von 1,5 Millionen Euro für sechs Professuren anmelden. Die Uni habe mit dem Kolleg gemeinsam zu berufende Professuren vereinbart und plane einen Masterstudiengang Rabbinic Studies, hieß es zuletzt.

„Wir arbeiten auf allen Baustellen“, sagte ein Sprecher des Ministeriums am Mittwoch. Es sei denkbar, dass die Universität in diesem Jahr eine Jüdische Fakultät schaffen könne. In Thüringen, das erst am Anfang stehe, könnten dagegen dem Vernehmen nach zwei Jahre vergehen. Ministerin Kunst äußerte sich verärgert über Homolkas Vorstoß in Thüringen. „Es ist mir nicht erklärlich, warum Professor Homolka über die Einrichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät mit anderen Bundesländern verhandelt“, erklärte sie gegenüber dem Tagesspiegel. Ende vergangenen Jahres hatte Homolka auch bei der Uni Erlangen-Nürnberg sondiert.

Homolka selber hat wiederholt erklärt, die Dinge entwickelten sich in Brandenburg einfach zu schleppend. Er forderte Planungssicherheit – auch in Hinblick auf das „Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg“. Dafür beantragt er gemeinsam mit der Universität Potsdam, dem Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum und den drei Berliner Unis eine Förderung beim Bundesforschungsministerium (BMBF). Wie auch die Landesregierung sieht Homolka einen Zusammenhang mit der Fakultätsgründung, durch die Potsdam zum Schwergewicht in der Berlin-Brandenburgischen Fusion bei den Jüdischen Studien werden würde.

Beim BMBF will man sich zu dem möglichen Weggang des Geiger-Kollegs nach Thüringen nicht äußern. Der Förderantrag für das Berlin-Brandenburgische Zentrum werde unabhängig davon wohlwollend geprüft, sagte ein Sprecher; die Entscheidung solle bis April fallen.

Wahrscheinlich wird die BMBF-Förderung für die Jüdischen Studien durch eine Empfehlung des Wissenschaftsrats für die Religionswissenschaften vom Februar 2010. Das Gremium hatte die Gründung islamisch-theologischer Zentren empfohlen, um die Ausbildung von Imamen und Religionslehrern in staatlichen Hochschulen zu fördern. Zu den Jüdischen Studien hieß es, auch für sie sei die Bildung von Zentren sinnvoll. Und dort, wo sie in christlich-theologischen Fakultäten angesiedelt sind, sollten judaistische Professuren an kulturwissenschaftliche Fachbereiche verlagert werden.

Für Potsdam, wo die Jüdischen Studien schon bei den Kulturwissenschaften sind, haben die Gutachter keinen Handlungsbedarf formuliert und schon gar nicht die Gründung einer theologischen Fakultät empfohlen. Mit der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und dem Abraham-Geiger-Kolleg in Verbindung mit der Universität Potsdam „sind zwei Einrichtungen vorhanden, welche eine solche Ausbildung des jüdischen Kultus- und Lehrpersonals in ausreichendem Umfang in Deutschland sicherstellen“, heißt es.Amory Burchard (mit dapd)

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