Wissen : Gescannte Weltkriegserinnerungen

Das Portal „Europeana 1914-1918“ präsentiert sich in Berlin.

von
Für Europeana wurden Dokumente aus 23 europäischen Ländern digitalisiert. Foto: dpa
Für Europeana wurden Dokumente aus 23 europäischen Ländern digitalisiert. Foto: dpaFoto: dpa

Alles findet man: Postkarten, Orden, Notizbücher, Sterbeurkunden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jährt sich zum hundertsten Mal – und erstmals ist es möglich, im Internet tausende privater Erinnerungsstücke einzusehen, darunter Briefe von der Front, Fotoalben junger Soldaten, propagandistische Illustrationen, ein Kinderbuch mit dem Titel „Vater ist im Kriege“. Über 90 000 Dokumente, die sich im Privatbesitz befinden, wurden in den letzten drei Jahren abfotografiert oder eingescannt und auf dem Portal „europeana1914-1918.eu“ hochgeladen. Crowdsourcing nennt man dieses Verfahren, denn mitmachen durfte und darf jeder. Seit Mittwoch steht das digitale Weltkriegsarchiv nun der Öffentlichkeit in vollem Umfang zur Verfügung.

Zu entdecken gibt es eine gigantische, vielsprachige Materialfülle, sortiert nach Kategorien wie „Briefe“ und „Fotos“ oder Schlagworten wie „Luftkrieg“, „Heimatfront“ oder „Kriegsgefangene“. Das Portal versammelt aber nicht nur private Fundstücke, integriert wurden auch über 400 000 Dokumente aus zehn Nationalbibliotheken sowie 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Archiven. Die Zusammenarbeit Dutzender wissenschaftlicher Institute sowie der mehrjährige Projektvorlauf haben es möglich gemacht, dass damit nun die umfassendste europäische Sammlung von Originaldokumenten zum Ersten Weltkrieg im Internet verfügbar ist. Der Zugang ist offen und kostenlos, Zielgruppen sind Wissenschaftler, Hobbyhistoriker, Lehrer, Schüler oder Studierende. Ihre Ideen und Fragestellungen müssen sie selbst mitbringen, das Material ist zum Teil unbearbeitet. Bei der Entzifferung der oft handschriftlichen Dokumente ist der Nutzer weitgehend auf sich gestellt.

In der Staatsbibliothek zu Berlin, die maßgeblich an der Entstehung der Sammlung beteiligt war, ist bis zum 8. Februar eine Ausstellung zur Entstehung der Europeana im Bibliotheksgebäude an der Potsdamer Straße zu sehen. Gleichzeitig wird die 2011 europaweit gestartete Scan-Aktion dort fortgesetzt. Aufgerufen sind Berliner Bürger, ihre Keller und Dachböden zu durchsuchen. Zwischen 10 und 18 Uhr können am heutigen Donnerstag und morgigen Freitag zwei- und dreidimensionale Familienandenken aus dem Ersten Weltkrieg in die Potsdamer Straße 33 (Tiergarten) gebracht werden. Dort werden sie von Fachleuten digitalisiert und mitsamt der Erläuterung der Eigentümer direkt online gestellt. Astrid Herbold

Das Portal im Internet:

www.europeana1914-1918.eu

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben