Geschichte : Erfundene Helden des Weltkriegs

Europäische Historiker entzaubern Mythen und offizielle Deutungen des Zweiten Weltkrieges.

Uwe Schlicht

Kriege eignen sich für Historiker besonders, in klassischer Manier große Schlachten und große Feldherrn darzustellen. Darüber treten die individuellen Erlebnisse der einfachen Soldaten und die Opfer unter den Zivilisten zurück. Historiker gehen mit spitzen Fingern an Zeitzeugen heran, die ihre Erlebnisse vor Fernsehkameras schildern und vertrauen eher „objektiven“ Dokumenten.

Noch längere Zeit nach den Ereignissen gibt es eine lebendige Geschichtserinnerung, die zum Teil ganz anders geprägt ist als die offiziellen Geschichtsdeutungen der Historiker und Politiker. Vor allem die Erinnerungskultur, die Kultur der Denkmäler und der Feiertage lebt von den Mythen der Geschichte. Diesen Legenden die Wirklichkeit entgegenzustellen ist das Verdienst eines Buches, das jetzt in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt wurde. Es basiert auf den Vorträgen einer Schar internationaler Historiker, die 2006 auf Einladung der deutschen historischen Auslandsinstitute in Paris zusammengekommen waren.

Der russische Historiker Sergei Kudrjasov räumt gründlich mit dem Mythos vom „Großen vaterländischen Krieg“ auf, den Josef Stalin erfunden hatte, um angesichts verheerender Niederlagen im Jahr 1941 die letzten Kräfte zu mobilisieren. Dieser Mythos sollte an den Aufstand der Russen gegen Napoleon erinnern, bedurfte jedoch aktueller Heldengeschichten. Für die waren die Journalisten zuständig.

Am 28. November 1941 veröffentlichte der Literatursekretär A. Krivickij in der Zeitung „Roter Stern“ einen Leitartikel über 28 gefallene Helden. Er schrieb, dass 28 Soldaten der 316. Schützendivision unter General Panfilov ihr Leben hergegeben hätten. Der Politoffizier habe den Rotarmisten, als er sie in den letzten Kampf gegen die deutschen Panzer führte, zugerufen: „Groß ist Russland, ein Zurück gibt es nicht – hinter uns liegt Moskau!“

Aus diesem Bericht wurde eine Legende, die in Büchern, Aufsätzen, Gedichten und Liedern immer weiter gesponnen wurde. Für die 28 gefallenen Panfilov-Soldaten wurde ein Denkmal errichtet, posthum wurde ihnen der Titel „Helden der Sowjetunion“ verliehen. Leider kam schon 1947 in Verhören die Wahrheit heraus: Den Ausruf des Politoffiziers hatte es nicht gegeben und die Geschichte von den 28 Panfilov-Soldaten war von dem Journalisten erfunden worden. Trotzdem wurde der Mythos am Leben erhalten. Stalins Nachfolger Leonid Breschnew setzte Zweifel an den Helden mit Verleumdung gleich und ließ an dem Ort, an dem die Soldaten angeblich gefallen waren, ein Museum errichten.

Mythen prägen auch die englische Geschichtsinterpretation und letztlich sogar die Politik bis heute. Die Briten schreiben sich die Hauptrolle bei dem Sieg über Hitler-Deutschland zu, weil sie allen Invasionsdrohungen widerstanden, die deutsche Luftwaffe ausschalteten und sich als mannhafter erwiesen als die Franzosen, die schon 1940 kapituliert hatten. Es herrsche noch die Grundannahme vor, erklärte der Historiker John Ramsden, dass der Rest der Welt, insbesondere Europa, seine moralischen Schulden bei England noch nicht bezahlt habe.

Selbst bei Fußballspielen gegen Deutschland werde der Mythos vom Zweiten Weltkrieg wiederbelebt. In den 1990er Jahren seien alle deutschen Fußballmannschaften von den englischen Fans mit dem Dambusters March begrüßt worden – das war der Titelsong eines Films über die Bombardierung deutscher Talsperren im Jahr 1943.

Die deutschen Historiker taten sich schwer, nach 1945 die jüngste Vergangenheit radikal aufzuklären. Der 8. Mai 1945 galt als Tag des Zusammenbruchs und keinesfalls als Tag der Befreiung. Das sollte sich erst mit Richard von Weizsäckers Rede von 1985 ändern. Man differenzierte strikt zwischen der „sauberen Wehrmacht“ und der „finsteren SS“, wobei die Angehörigen der Waffen-SS auch noch in die „saubere Wehrmacht“ einbezogen wurden. Der Historiker Axel Schildt verweist auf eine Umfrage aus dem Jahr 1951. Die Frage lautete: Wann in diesem Jahrhundert sei es den Deutschen am besten gegangen? 44 Prozent nannten das Dritte Reich, 43 Prozent das Kaiserreich, sieben Prozent die Weimarer Republik und zwei Prozent die Zeit nach 1945.

Die italienische Historikerin Gabriela Gribaudi entlarvt die offiziellen Darstellungen der Engländer und Amerikaner über die Bombenangriffe auf italienische Städte. Es sei von „chirurgischen Bombardierungen“ und „Kollateralschäden“ die Rede gewesen, um die Präzision des Luftkriegs zu charakterisieren. Nicht aber war die Rede von zahlreichen Fehlabwürfen und von den getöteten Zivilisten. Der offizielle Diskurs über den Krieg unterscheide sich in Italien stark von den persönlichen Kriegserinnerungen der Betroffenen, betont die Historikerin. Zum Beispiel würden die Massenvergewaltigungen italienischer Mädchen und Frauen durch die Marokkaner, die in den französischen Regimentern am Monte Cassino kämpften, bis heute verschleiert.

Der Zweite Weltkrieg in Europa, Hrsg. von Jörg Echternkamp und Stefan Martens. Ferdinand Schöningh Verlag, 300 Seiten, 34,90 Euro.

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